(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 19.03. UND 20.03.2020: Ausnahmezustand, Ausgangssperre und außergewöhnliche Fahrzeuge auf den Straßen.

Momentan „hĂ€ngen“ wir alle zuhause rum und gehen uns gegenseitig auf den Sack… Spaß beiseite. Meine SĂŒĂŸe arbeitet derzeit im Homeoffice und pendelt zwischen Esstisch (ihr InterimsbĂŒro) und Loggia (ihr Interims-Konfi fĂŒr die Videotelefonate mit den Kollegen). Die Kids pendeln zwischen Kinderzimmer (ihr Interimsklassenzimmer) und Wohnzimmer (ihre Interims-Turnhalle). Und ich? Ich Pendel zwischen Unsicherheit ob ich noch rausgehen kann (zur Apotheke u. Ä.) oder ob ich mich komplett verschanzen sollte. Normalerweise versuche ich ja so positiv wie möglich zu denken. Aber momentan ist das immer schwieriger.

Seit Montag schwebe ich auch in so einem Zustand der Unsicherheit, weil ich meine genauen Blutwerte nicht kenne. Zwar entlÀsst man mich ja nicht mit schlechten Werten aus der Klinik, aber etwas mehr Gewissheit wÀre schon gut gewesen. Deshalb war es gestern auch wieder ein Zwiespalt, ob ich mit dem Hund rausgehen kann oder besser nicht.

Heute ging es dann aber endlich zur Blutwertkontrolle. Normalerweise bin ich mit dem Rad zur Klinik gefahren. Auch das war mir heute zu unsicher, so dass ich mit dem Bus gefahren bin. Mit dem VW-Bus. Alleine. An der Klinik angekommen, erwartete mich ein zu gleichen Teilen ungewohntes wie auch verstörendes Bild:

SecuritymÀnner stoppten jeden, der die Klinik betreten möchte und fragten, wo man hin möchte, ob man einen Termin hat und wenn ja, ob man das nachweisen könne.

„Wie soll ich denn nachweisen, dass ich einen Termin habe?! Diesen kleinen TerminbestĂ€tigungszettel hab ich zuhause liegen. Mir war ja nicht bewusst, dass hier Sperrzone ist!? Ich hab einen Termin zur Blutabnahme und bei meiner Onkologin im MVZ. Das einzige, wodurch ich das einigermaßen nachweisen kann, ist mein Äußeres und die Einstichstellen an meinem Arm!“. „Nee nee, schon gut. Ich glaub es dir! Alles gute, geh durch!“

Im MVZ Onko auch alles neu. Standen sonst 20-30 StĂŒhle auf den langen Fluren, sind es jetzt nur noch um die 10. Des Sicherheitsabstandes wegen. Nach meiner Blutwertbestimmung hatte ich eigentlich einen Termin bei meiner Onkologin zur Besprechung, wie mit der Reha verfahren werden kann und soll. Das haben wir dann gecancelt, weil derzeit eh alle Rehas abgesagt werden. Stattdessen habe ich wissen wollen, wie lange der Port denn wohl dranbleiben wird. Eigentlich auch nur aus Interesse. Er stört oder beeintrĂ€chtigt mich ja nicht. Aber auch hier hörte ich erstaunliches. OP-Termine sind derzeit knapp. Ports werden vorerst nicht entfernt, weil irrelevant. Selbst wichtige OPs wie Tumorentfernungen bei Lungenkrebspatienten werden nun schon herabpriorisiert und nach hinten geschoben… Was fĂŒr eine Zeit ist das nur gerade… es bleibt nichts als abzuwarten.

Auf dem Weg nach draußen habe ich dann folgendes Video aufgenommen. Gespenstisch, denn man weiß, wieviel Publikumsverkehr sonst auf den Fluren von Hamburgs drittgrĂ¶ĂŸter Klinik umherwandelt.

Vor der TĂŒr der Klinik dann das nĂ€chste unbekannte Bild. Ein Rettungswagen. An sich nichts außergewöhnliches vor einem Krankenhaus. Aber in diesem Rettungswagen saßen keine SanitĂ€ter mit signalfarbenen Uniformen sondern: Polizisten. Auch prangt kein rotes Kreuz auf der TĂŒr sondern der Polizeistern. Anscheinend mĂŒssen mittlerweile sogar die RettungskrĂ€fte der Polizei mit unterstĂŒtzen. In 11 Jahren, in denen ich in Hamburg lebe, habe ich einen solchen „Polizeiretter“ nicht zuvor gesehen.

Ich bin gespannt, was hier noch alles so geschieht, ob es noch eine Ausgangssperre gibt oder was auch immer. Aus eigenem Interesse bin ich klar fĂŒr die Ausgangssperre. Rigoros. Mit StrafbewĂ€hrung. Am besten mit mindestens 5.000,-€ Strafe fĂŒr Zuwiderhandlungen. Damit die Dummbeutel, fĂŒr die das draußen alles nur ein Scherz und Extraurlaub ist, endlich mal die Glibbermasse im SchĂ€del mal wieder anstrengen. Es bleibt also momentan nichts weiter zu tun als abzuwarten und zuhause zu bleiben. Stay tuned!

(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 15.03.2020 BIS 18.03.2020: Krankenhausfrei, strahlende Kinderaugen und Schulschließung

Hallo ihr lieben,

momentan passiert hier um mich herum so viel, dass ich entweder nicht dazu komme tĂ€glich hier meine Berichte abzuliefern oder mir einfach die Kraft dazu fehlt. Zum GlĂŒck ebbt die Corona-Panik gefĂŒhlt langsam ab, dennoch sind es tĂ€glich neue EinschlĂ€ge die im Umfeld eintreffen und mich belasten. Dieser Virus kommt fĂŒr mich zu einer denkbar schlechten Zeit. Tage- bzw. Wochenlang handlungseingeschrĂ€nkt im Krankenhaus liegend scheint die Aussenwelt und deren Geschehnisse wie ein Film an mir vorbeizuziehen. Die vergangene Woche war da besonders extrem. Der grĂ¶ĂŸte Crash an den Börsen seit 1986 frisst einen Großteil der Ersparnisse im Kinderdepot von Tag zu Tag auf. Und und und. Alles nicht so einfach. Aber wird wohl schon werden.

Im Moment kann und muss ich mich auf die Therapie fokussieren. Alles andere muss ausgeblendet werden. So gut das halt geht. Also den Fokus wieder auf das Positive richten. Mein dritter Krankenhausaufenthalt ist seit Montag nachmittag beendet. Wieder einen Tag eher als der vorherige. Wenn man der Statistik glauben möchte, dann steht die Aufenthaltsdauer fĂŒr Zyklus 4 dann ja schon fest. Kleiner Rechentest fĂŒr dich:

  • Zyklus 1: 13 Tage Klinik / 8 Tage zuhause
  • Zyklus 2: 12 Tage Klinik / 9 Tage zuhause
  • Zyklus 3: 11 Tage Klinik / 10 Tage zuhause
  • Zyklus 4: ?? Tage Klinik / ?? Tage zuhause

Tipps und Prognosen gern in die Kommentare. 😀

Ich bin ja nun wieder zuhause bei meinen Lieben. Wie habe ich den Tag herbeigesehnt. Bevor ich die Klinik verlassen kann, gibt es noch die obligatorische Portion HĂŒhnerfrikassee. Ich bin ja der Ansicht, dass HĂŒhnerfrikassee zu einem Klinikaufenthalt gehört wie Mickey zu Minnie, die Statue of Liberty zu New York und Senf zur Bratwurst. Also muss das ja noch schnell erledigt werden.

Danach hole ich noch schnell meine Rezepte im MVZ Onkologie ab und dann sammelt meine SĂŒĂŸe mich auch schon ein.

Zuhause steht dann erstmal die Sichtung der Post an. Andrea von dem Projekt „Wir können Helden sein“ (http://www.wir-koennen-helden-sein.de/) hat dafĂŒr gesorgt, dass einer der momentan grĂ¶ĂŸten WĂŒnsche Maxima‘s (unserer Ă€ltesten Tochter) in ErfĂŒllung geht. In einem Briefumschlag liegen 4 Tickets fĂŒr die Mark Forster Tourstation in Hamburg im August diesen Jahres. Selbst wenn ich gesund und arbeitsfĂ€hig wĂ€re, wĂ€re sowas nur schwer zu realisieren gewesen. Kostet ein Ticket doch schon ĂŒber 60,- €. In der Vergangenheit war es meist so, dass wir versucht haben, den Kindern ihre WĂŒnsche so gut es geht zu ermöglichen. Konzerte waren dann aber meist nur mit einem Erwachsenen drin. Umso schöner finde ich es, dass es da Projekte wie eben das bereits genannte „#wirkönnenheldensein“ gibt, die es Familien in schwierigen Situationen ermöglicht, weiterhin die Kraft, den Mut und das Durchhaltevermögen aufzubringen, dass notwendig ist, um weiterzumachen.

Ansonsten sind wir alle derzeit nĂ€her zusammengerĂŒckt. Sowohl emotional, als auch rĂ€umlich. Alex ist zuhause im home office und die Kids haben vorgezogene „Coronaferien“. Und ich? Endlich Zeit mich auch mal ausgiebig um ihre Hausaufgaben zu kĂŒmmern. Wir versuchen auch viel zu entschleunigen. Wir schnippeln die Zutaten fĂŒrs Essen zusammen, genießen unsere Mahlzeiten ohne Störfaktoren wie Handy und Co. Abends kuscheln wir uns zusammen und schauen Filme oder spielen Spiele. Wenn das der Rest der Republik jetzt auch noch schafft, dann sollten wir das Schreckgespenst Corona doch bald auch im Griff haben und wir alle können durchatmen. Alles in Allem kann ich aber schon feststellen, dass das Leben um uns herum ruhiger zu werden scheint. Gestern und heute habe ich vorm Haus nur 2 Rettungswagen und einmal die Polizei mit Sirene entlangfahren hören. Das ist normalerweise unser Stundenpensum.

Besonders fĂŒr mich und alle anderen der „Risikogruppe“ macht die aktuelle Lage nĂ€mlich besondere Sorgen. Äussert sich die Krankheit doch durch den Befall der Atemwege und Fieber. Beides Symptome, die mir Schwierigkeiten bereiten. Durch die heftige Chemo ist meine Lunge eh schon zeitweise blockiert, so dass sich das Atmen ab und an schon anfĂŒhlt, als sĂ€ĂŸe ein Deckel auf der Lunge, der das tiefe Einatmen erschwert. Und durch Cortison und Co. ist mein Kopf eh dauerwarm, was Fieberermittlung nur durch Thermometermessung möglich macht.

Komm‘ gut durch die Therapie: Tipps gegen Klinikkoller und Motivationstipps

So richtig weiß ich noch nicht, wie ich diesen Blogbeitrag anfangen soll, oder wie er am Ende aussieht und wo er hinfĂŒhrt. Die Zielsetzung zu Beginn ist auf jeden Fall, dir meine Sichtweise auf einen erleichterten Umgang mit der (Chemo-)Therapie zu geben.

Hast du erstmal die eigentliche Diagnose Krebs einigermaßen verarbeitet, folgen bald schon die nĂ€chsten anstrengenden Schritte. Die Liste ist mit Sicherheit nicht abschließend und hat garantiert Potential fĂŒr Fortsetzungen. Diese werde ich dann nach und nach hier einstreuen.

  • Portlegung
  • Chemo- oder Antikörpertherapie
  • ggf. RĂŒckenmarkspunktion
  • CT- und MRT-Untersuchungen mitsamt nervenaufreibender Wartezeiten auf Befunde
  • Krankenhausaufenthalte
  • zwischenmenschliche Herausforderungen
  • generelle sonstige Themen rund um deine Genesung (ErnĂ€hrung, Ziele, usw.)

Befreie dich von der Angst.

Auch wenn es vielleicht einfacher gesagt als getan klingt: Versuche dich von der Angst frei zu machen. Vor dir liegt ein steiniger Weg – und der ist ohnehin schon hart genug. Belastest du dich nun auch noch zusĂ€tzlich mit Ängsten und Sorgen, raubst du dir selbst wichtige Ressourcen, die du fĂŒr deinen Kampf brauchst. Ich weiß selbst, dass unser Gehirn uns allerhand Steine in den Weg legen kann. Aber lass dir gesagt sein: Psychologen haben herausgefunden, dass 90 % aller BefĂŒrchtungen, die wir uns machen, ĂŒberhaupt nicht eintreten. Die restlichen 10 % können dann spontan geregelt und gelöst werden. Klingt doch gut, oder? Die meisten Sorgen sind tatsĂ€chlich unbegrĂŒndet, wie ich dir an einem Beispiel von mir selbst zeigen kann.

Was ist, wenn ich nicht wieder aus der Narkose aufwache?“

Das war tatsĂ€chlich meine BefĂŒrchtung, als mir der Port gelegt werden sollte. Ich war derart verĂ€ngstigt, dass ich drauf und dran war, meiner Freundin alle Bankpasswörter per Whatsapp zu schicken, damit sie an meine paar Kröten kommt, falls ich nicht wieder aufwachen sollte. Wie irrational diese Angst war, zeigen ein paar Statistikzahlen:

  • In Deutschland werden pro Jahr rund 10.000.000 Operationen unter Vollnarkose durchgefĂŒhrt.
  • Die MortalitĂ€t durch Narkose liegt bei etwa 70 TodesfĂ€llen pro Jahr.

Das macht eine Wahrscheinlichkeit von 1:142.857 oder in Prozent: 0,000007 %.

Noch einige Vergleiche in dem Zusammenhang:

  • Die Wahrscheinlichkeit an einer Grippe zu sterben, liegt bei 1:36
  • Das Risiko bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, belĂ€uft sich auf 1:90
  • Bei einem Glatteisunfall umzukommen ist mit 1:218 auch noch wahrscheinlicher

Ich wĂŒrde gern noch dazuschreiben, dass es wahrscheinlicher ist, von einem Hai getötet zu werden, ist es aber nicht. Das scheint mir aber auch plausibel, denn in den meisten OP-SĂ€len gibt es nun mal mehr AnĂ€sthesisten als Haie. 😉 Aber auch das Risiko, bei einem Sturz von einer Leiter umzukommen ist exakt doppelt so hoch, wie das MortalitĂ€tsrisiko bei der Narkose.

Das hilft doch, oder?

Tausche dich mit anderen Patienten aus

„Ich weiß ĂŒberhaupt nicht, was mich erwartet!“

Deine Freunde, Familie und Angehörige werden versuchen, dich zu unterstĂŒtzen, wo sie nur können. Aber es sind und bleiben deine Freunde, Familie und Angehörigen. In den wenigsten FĂ€llen mussten sie bereits das durchmachen, was dir bevorsteht. Daher mein Tipp: tausche dich mit anderen Patienten aus. Mir hat das sehr geholfen. Anfangs habe ich mich auf „googlen“ beschrĂ€nkt, was mir allerdings nicht viel Hoffnung gemacht hat. Denn hier war die Statistik ausnahmsweise mal nicht mein Freund. Denn:

  • Laut Statistik erkranken pro Jahr fast 500.000 Menschen in Deutschland an Krebs.
  • Meine Krebsart, das Hodgkin-Lymphom, verschwindet dabei mit weniger als 2.500 Erkrankungen pro Jahr ziemlich (0,5 %).

Der Lungenkrebs ist bei MĂ€nnern die dritthĂ€ufigste Krebsart. Mit dieser Prognose, dachte ich mir, werde ich wohl nicht viele Mitglieder der „Hodgkin-Family“ kennenlernen. Ich sollte mich irren.

Allein in der Klinik hatte ich mit genauso vielen Hodgkin-Patienten zu tun, wie mit Lungenkrebspatienten. Das tat gut, denn so konnte ich mir schon mal ein Bild machen, was fĂŒr einen Eindruck diese Patienten auf mich machen. Denn auch hier hatte ich bereits ein negatives Bild im Kopf:

Ende November 2019, also noch wĂ€hrend des Diagnostikmarathons musste ich mich fĂŒr diverse Sonographien und Punktionen zwei Tage stationĂ€r in der Klinik einfinden. Hier hatte ich leider das „Pech“, mir das Zimmer mit einem Mitpatienten teilen zu mĂŒssen, der seine Chemotherapie nicht so richtig gut vertrug. Am laufenden Band musste er sich ĂŒbergeben und hatte mit massive Magen-/Darm-Problemen zu kĂ€mpfen. Und ich? Ich hoffte nur insgeheim: „Sollte ich jemals eine Krebstherapie durchmachen mĂŒssen, bitte lass diesen Übelkeitskelch an mir vorbeigehen!“.

Nun muss man aber auch sagen, so komisch das klingen mag: „Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Medizin richtig weit ist. Noch vor 15, 20 Jahren hĂ€tten unsere Prognosen wahrscheinlich alle deutlich dĂŒsterer ausgesehen. Und auch darĂŒber kann man sich hervorragend austauschen. Nutze dazu am besten alle KanĂ€le, die dir zur VerfĂŒgung stehen:

  • Instagram (Einzelprofile, Profile von krebsspezifischen Hilfsorganisationen)
  • Facebook (Einzelprofile, Seiten von krebsspezifischen Hilfsorganisationen, Gruppen zum Thema Krebs fĂŒr Betroffene und Angehörige)
  • Website und Blogs zum Thema

FĂŒr alle Kategorien werde ich mittelfristig noch eine Linksammlung machen. Ich muss mich da aber selbst erst einmal etwas orientieren. Am Ende des Tages möchte ich dir natĂŒrlich nur Anlaufstellen empfehlen, wo du dich auch wohlfĂŒhlst und nicht denkst: „Oh Gott, was ist hier denn nicht richtig!“. Denn am Ende musst du dich wohlfĂŒhlen, denn sonst kommen wir zwangslĂ€ufig in den Dunstkreis des nachfolgenden Personenkreises:

Halte dich von toxischen Personen fern!

Die Gratwanderung zwischen negativen Menschen und toxischen Personen ist fließend. Von beiden Personengruppen solltest du dich möglichst fernhalten. Du wirst immer wieder auf Typen treffen, fĂŒr die alles immer ganz schrecklich ist, die sich in ihrem eigenen Leid laben, dir schreckliche Bilder in den Kopf setzen wollen oder dir Schreckensszenarien auftischen. Hier hast du eigentlich nur zwei (gute) Möglichkeiten:

  • radikale Akzeptanz (dann darfst du das ErzĂ€hlte aber nicht an dich rankommen lassen) oder
  • Abkehr von diesen Menschen

Ich selbst hatte bislang 4 nennenswerte Erlebnisse dieser Art:

Nummer eins war jemand, den ich in einer Krebsgruppe „kennengelernt“ habe. Derjenige schrieb mir dann unvermittelt Nachrichten ĂŒber den facebook-Messenger. Aber ziemlich zusammenhanglos, so dass ich ĂŒberhaupt nicht wusste, was er von mir möchte. Er berichtete davon, dass „Menschen von der Decke“ hingen. Ich nehme an, er hat von Nebenwirkung durch die ihm verabreichten Morphine gesprochen. Verstanden habe ich es bis heute nicht. Er hat es auch nie aufgeklĂ€rt. Halte dich am besten von solchen Personen fern. Gerade im Social Media Bereich, wo der Großteil der Kommunikation auf dem geschriebenen Wort basiert, entstehen sonst schnell MissverstĂ€ndnisse.

Der zweite und dritte Fall Ă€hneln sich sehr stark! Bei beiden Malen war jeweils ein Ă€lterer Herr der Mittelpunkt. Beide jeweils um die 80 Jahre alt (geschĂ€tzt). Beide waren leider sehr negativ eingestellt und wenig kommunikativ. Ich möchte das auch gar nicht verurteilen, aber es kann einen schon ganz schön runterziehen, wenn man tagelang sprichwörtlich und auch realistisch nur „nebeneinander herlebt“. Vielleicht liegt es auch einfach in der MentalitĂ€t Ă€lterer Menschen, dass sie nicht so aufgeschlossen sein können. Aber nicht nur sich selbst stehen die Menschen damit im Weg – sondern auch den anderen Patienten. Meistens trauen sie sich vielleicht auch nicht, um Hilfe zu bitten – sowohl andere Patienten, als auch das Pflegepersonal und machen es dadurch sich selbst und auch anderen schwer. Denn dadurch kommen sie in eine AbwĂ€rtsspirale aus Schmerzen, die ohne Hilfe nicht besser wird und SchmerzĂ€ußerungen, wie Stöhnen und klagen. Dadurch bedrohen sie auch die Genesung der anderen Patienten. Nun kann man diese Zimmergenossen aber schlecht des Raumes verweisen oder auf eigenen Wunsch umbetten lassen. Aber was du tun kannst: Ermutige diese Menschen, die Klingel zu drĂŒcken, wenn es ihnen nicht gut geht. Oftmals haben Ă€ltere Menschen in ihrem Leben viel Leid erlebt. Oder frage sie, ob du fĂŒr sie klingeln sollst. Damit hilfst du nicht nur deinem GegenĂŒber, sondern im Endeffekt auch dir selbst. Keinem von euch ist geholfen, wenn ihr euch beide die Nacht um die Ohren schlagt und nicht zur Ruhe kommt.

Ein weiterer Fall war ein Patient, der zwar an Krebs erkrankt war, aber zu diesem Zeitpunkt eher wegen schlechter organischer Werte in der Klinik war. Alles in allem machte er einen fitten Eindruck, nur seine Einstellung im Kopf schien ihm selbst im Weg zu stehen. Den ganzen Tag blieb er im Bett, obwohl er mobil war, immer wieder stöhnte er in seinem Bett vor sich hin. Am ersten Tag war er der Meinung, er mĂŒsse mir seinen Chemoplan zeigen und mit meinem zu vergleichen. Er war doch tatsĂ€chlich der Meinung, sein 4 Tage langer Zyklus mit 4 Medikamenten sei „richtig schlimm“. Den Stich gewann ich dann mit meinem 14-Tages-Zyklus und insgesamt 16 Medikamenten knapp. Danach wusste er wohl, dass er bei mir mit seiner „weinerlichen“ (das Wort klingt mir eigentlich zu hart, aber mir fĂ€llt nichts passenderes ein. Hilfestellung gern willkommen!) Art nicht weit kommen wird. DafĂŒr probierte er es mit Hundeblick bei den Schwestern und dem restlichen Pflegepersonal. Auf die morgendliche Frage: „Na, wie geht es uns denn heute?“ antwortete er immer: „Ja, gut, aber…“, was mich direkt zum nĂ€chsten Punkt fĂŒhrt:

Streiche relativierende Einwandswörter!

„Mir geht’s gut, aber…“

Äußerungen wie diese verstehe ich einfach nicht. Entweder es geht mir gut, dann sage ich es, oder es geht mir nicht so gut. Beides zusammen geht jedoch nicht. Genau das impliziert der Aufbau aber. Geht es dir gut, dann sag es. Geht es dir nicht so gut, dann sag auch das. Aber bitte, relativier es nicht mit SĂ€tzen wie:

  • Es geht mir gut, aber…
  • Eigentlich fĂŒhle ich mich fit…
  • Heute geht es mir schon recht gut.

Das klingt irgendwie alles nach nichts halbem und nichts ganzem. Und damit können dann auch weder die Ärzte noch das Pflegepersonal richtig gut arbeiten. Also entrĂŒmpel doch einfach deinen Wortschatz um diese leeren FĂŒllworte.

Rede offen mit den Ärzten und dem Pflegepersonal!

Wenn du dir dann angewöhnt hast, auf FĂŒllwörter, wie „aber“, „eigentlich“ und „recht/ziemlich“ zu verzichten, dann kannst du auch offener mit den Ärzten und dem Pflegepersonal sprechen. Sie wissen dann nĂ€mlich genau, woran sie bei dir sind. Und genauso kannst du deine Fragen in die Richtung des Personals stellen. Wenn du dir unsicher bist, dann frag. Getreu dem Motto:

„Es gibt keine doofen Fragen, nur doofe Antworten!“

werden dir die Ärzte gern Auskunft auf alle deine Fragen geben. Ist es doch auch ihr Job – und nochwas: je offener und ehrlicher du bist, desto offener und ehrlicher werden auch die Klinikangestellten sein. Und gerade, wenn du, wie ich oft tage- oder wochenlang deine Chemozyklen stationĂ€r bekommst, wird das Personal wie eine Art zweite Familie fĂŒr dich. Und du wirst dankbar sein und dich freuen, wenn du ein lĂ€cheln, ein offenes Ohr oder einfach nur ein nettes Wort von ihnen bekommst. Bei mir war es in jedem Zyklus so, dass gegen Abend, wenn es etwas ruhiger wurde, jemand vom Personal nochmal kurz auf einen kleinen Schwatz oder ein aufmunterndes Wort vorbeikam.

Mach dir bewusst, dass es immer Menschen gibt, denen es schlechter geht als dir!

Normalerweise sind wir darauf trainiert, uns mit anderen zu messen, zu vergleichen und zu schauen, was andere besser machen als wir oder tolleres haben. Wenn es aber darum geht, in den Kampf gegen den kleinen Sausack Krebs zu gehen, ist das eine weitere Negativsuggestion, die du deinem Kopf unterbewusst mitgibst. Konzentrierst du dich auf scheinbar gesunde Menschen, denen „es doch viel besser geht als mir selbst“, nimmst du dir wichtige Ressourcen, die du brauchst. Das ganze kommt aus dem Segment der sogenannten „Achtsamkeit“. Jeder Mensch ist in der Lage, seine Gedanken und seinen Fokus selbst in gewisse Richtungen zu steuern! Wenn du also jemand bist, der sich sonst immer mit anderen vergleicht, kannst du dich auch darauf fokussieren, wie (verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig) gut es dir eigentlich geht. Mir hat diese Technik sehr geholfen, mich so lang wie möglich nicht den negativen Gedanken, die zwangslĂ€ufig jeden betreffen hinzugeben. Im ersten Zyklus waren es bei mir z. B. die Patienten, die mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik eingeliefert werden mussten. Ich kann ja noch selbststĂ€ndig in die Klinik watscheln. Im zweiten Zyklus waren es Patienten, deren Prognose auf Grund von Metastasen nicht so gut standen. Wie viel GlĂŒck hatte ich da doch noch, dass der Krebs bei mir noch nicht gestreut hat. Jetzt im dritten Zyklus sind es die Patienten, die nicht aufstehen können, die spezielle Matratzen bekommen, um das Wundliegen, den sogenannten Dekubitus, zu verringern. Ich kann doch noch selbststĂ€ndig aufstehen und rumlaufen.

Klar, du könntest dich auch der negativen Seite hingeben. Das wĂŒrde dann wohl so klingen:

  • „Oh, wie schlimm, ich habe jetzt Krebs!“
  • „Das wird doch nie wieder richtig gut!“
  • „Was ist, wenn ich es nicht schaffe?“
  • „Meine Kinder dĂŒrfen mich auf meinem Zimmer nicht besuchen, weil sie noch zu klein sind!“

Das alles waren kurzzeitig meine Gedanken wĂ€hrend der Chemos. ABER: bringt es was? Ändert jammern etwas an der Situation? Ich sage: „Nein!“.

Stattdessen habe ich die obigen SĂ€tze fĂŒr mich folgendermaßen umformuliert:

  • „Ja, ich habe Krebs! Aber ich kann ihn besiegen. Und ich werde ihn besiegen!“
  • „Wenn das ganze Thema durch ist, freue ich mich auf ein aktiveres, gesĂŒnderes Leben!“
  • „Weiter so, dann ist es bald geschafft!“
  • „Ich freue mich, dass meine Kinder gesund sind. Und zum GlĂŒck können wir uns im Innenhof der Klinik treffen und eine schöne Zeit miteinander verbringen.“

Es gibt da so einen Spruch, der ist zwar abgedroschen, aber genauso wahr:

„Wer will findet Wege, wer nicht will, der findet GrĂŒnde!“

Leider kenne ich den Urheber des Satzes nicht. Wenn du dazu vielleicht was weißt, dann kannst du mir ja einen Kommentar dazu dalassen, dann kann ich das hier ergĂ€nzen.

Trau dich, um Hilfe zu bitten!

Irgendwann wirst du an einen Punkt kommen, an dem du vielleicht nicht weiterweißt. Dann heißt es: TRAU DICH, UM HILFE ZU BITTEN. Egal, was es ist, fĂŒr alles gibt es eine Lösung. Du musst nur drĂŒber sprechen. Wie auch beim Thema mit der Angst (ganz oben) bestehen die meisten Limitierungen nur in deinem Kopf.

  • „Was sollen die Leute denken?!“
  • „Ich trau mich nicht!“
  • „Das schaffe ich ja so oder so nicht!“

Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Also sprich darĂŒber, wenn dir was wehtut oder du anderweitige Sorgen hast.

Gib deinem Körper gesundes – aber gönn dir auch was!

Du wirst bemerken, dass du wĂ€hrend der Chemotherapie plötzlich andere Vorlieben entwickelst als vorher. Bei mir ließ es sich am besten daran bemerken, dass sich mein Appetit auf SĂŒĂŸigkeiten in allen Variationen deutlich reduzierte. DafĂŒr feierte ich plötzlich Brote mit Tomatenscheiben drauf, aß zuerste die Erbsen und Möhren und danach erst die Fleischkomponente auf meinem Teller, bevorzuge Saftschorlen statt gesĂŒĂŸter Softdrinks und greife eher zu Haferflocken mit Joghurt, Obst und NĂŒssen zum FrĂŒhstĂŒck als zur Nutellaschrippe. Der Körper ist ein erstaunliches Konstrukt und zeigt dir ganz genau, was er wann und in welcher Form braucht. Du musst nur auf ihn hören. Aber lass dich auch nicht von (meist selbsternannten) ErnĂ€hrungsgurus verrĂŒckt machen. Du musst nicht gĂ€nzlich auf Fleisch, Zucker oder andere Dinge verzichten, die du vorher gern verzehrt hast. Also gönn dir auch mal was „nicht so gesundes“. Auch bei mir gibt es diese Phasen immer wieder. Erst beim letzten Einkauf hatte ich in der GetrĂ€nkeabteilung ein ziemliches Verlangen nach Cola-Orangen-Mix. Ich habe mir zwei Flaschen mitgenommen – zusammen mit Multivitamin-, Apfel- und Kirschsaft. Auch SĂŒĂŸigkeiten finden immer mal wieder den Weg auf meinen Speiseplan. Oder, wenn es das Portmonee zulĂ€sst: eine Schlemmertasche aus der BĂ€ckerei in der Klinik. Die ist megalecker.

  • KĂ€sebrötchen
  • Remoulade
  • Kochschinken oder Putenbrustschinken
  • KĂ€se
  • Gurke
  • Tomate
  • Salat

Das ist fĂŒr mich momentan das kulinarische Paradies, daran kann ich mich nicht satt essen. Da ist einfach alles drin, dran, drauf was ich liebe.

Denn: nur weil wir Krebs haben, heißt das ja noch lange nicht, dass wir das Leben nicht trotzdem genießen dĂŒrfen, oder?

Sorg fĂŒr ausreichend Bewegung – wenn es möglich ist!

Bewegung ist wichtig. Sowohl fĂŒr den Kopf, als auch fĂŒr den Körper – und auch sowohl die körperliche Bewegung, als auch die Geistige. Wenn du also nicht bettlĂ€gerig bist, sorg dafĂŒr, dass du jeden Tag eine Runde lĂ€ufst. Egal, ob durch die Klinik, den Klinikpark (wenn es einen gibt) oder einfach nur um das GebĂ€ude. Wenn du mit den Ärzten darĂŒbr sprichst, werden sie dir bestĂ€tigen, dass Bewegung gut ist. Und vielleicht könnt ihr absprechen, dass du vielleicht auch in einem gewissen Radius das KlinikgelĂ€nde verlassen kannst. Ich fĂŒr meinen Teil gehe immer gern zum Supermarkt in der NĂ€he der Klinik. Ist zwar „nur“ ein knapper Kilometer, reicht aber aus um den Körper in Schwung zu bringen und den Kopf mit frischer Luft zu fluten. Und ausserdem: Unter Einfluss von Chemomedikamenten kann man auch fĂŒr einen Kilometer schon eine gute Zeit brauchen. Ich fĂŒhle mich manchmal wie eine Schildkröte auf Valium. 😀

Genieße Dinge, die dir Spass machen!

Ich fĂŒr meinen Teil lache sehr gerne. Das war schon immer so. Deshalb umgebe ich mich auch gern mit anderen Menschen die gern lachen und positiv sind. In der Klinik ist das oftmals nicht so einfach. Deshalb versuche ich hier anderweitig Dinge zu konsumieren, die Spaß machen. So kannst du dir im TV, auf Online-Streamingportalen oder auf TontrĂ€gern witzige Filme, Hörspiele / HörbĂŒcher oder Comedyprogramme ansehen oder anhören. Auch das gute alte Witzebuch funktioniert immer noch so gut wie eh und je. DarĂŒber hinaus ist es mir auch immer wichtig, dass meine Freunde und ich weiterhin rumblödeln, wenn sie zu Besuch kommen. Kleine Kostprobe aus dem Bereich des Paradoxen?

  • Schwarze Johannisbeeren sind, wenn sie noch rot sind eigentlich noch „grĂŒn“.
  • Es ist paradox ist, wenn ein Trabantfahrer sagt: „Der ist nicht von Pappe!“.
  • Oder wenn eine Kuh einen Ochsen anstiert.
  • Oder wenn man sich im Handumdrehen ein Bein bricht.

Zum Abschluss dieses Abschnitts möchte ich es mir dann nicht nehmen lassen und ein Video eines meiner Lieblingscomedians einzufĂŒgen. Denn wie sagt man so schön: „Lachen ist die beste Medizin!“. Ausser bei Durchfall!

Hole andere mit ins Boot!

UnterstĂŒtzung ist wichtig. Je mehr Leute Bescheid wissen, desto besser – je vielfĂ€ltiger die WissenstĂ€nde der einzeln, umso wertvoller. Das zĂ€hlt fĂŒr alle Bereiche des Lebens. Neben der oben erwĂ€hnten Leidenschaft zum Lachen ist die Musik mein stĂ€ndiger Begleiter. Bin ich mal down, hilft mir die Musik abzuschalten und zur Ruhe und Besinnung zu kommen. Daher habe ich mir bei dem von mir favorisierten Streamingdienst eine Playlist angelegt, in die jeder, der den Link hat, einen oder mehrere Songs beitragen kann. So sind ĂŒber meine Chemozyklen bereits fast 250 Songs zusammengekommen. Die Playlist lĂ€uft fast ausschließlich bei mir auf heavy rotation. Und mit jedem Song weiß ich, dass Menschen hinter mir stehen, mich unterstĂŒtzen und mit den Songs an mich denken.

Setze dir Ziele!

Nichts ist frustrierender, als nicht zu wissen, was kommen wird. Dadurch verfĂ€llst du leicht in Lethargie und raubst dir erneut die wichtige Energie, die du fĂŒr deinen Weg durch die Therapie brauchst. Ich habe mir angewöhnt, mir Tag fĂŒr Tag kleinere und mittel- bis langfristig grĂ¶ĂŸere Ziele zu formulieren, die ich umsetzen möchte. Im Tagwerk sind das eher Kleinigkeiten, wie:

  • Zu Fuß zum Einkaufen zu gehen
  • Mehr Lebensmittel in GlasbehĂ€ltern kaufen – weniger Kunststoff- und Metallverpackungen
  • Weniger zuckerhaltige Softdrinks, dafĂŒr mehr Fruchtsaftschorlen
  • Mehr selbst kochen, weniger „Fertigfutter“
  • Öfter das Rad statt das Auto nehmen

Mittelfristig habe ich mir Ziele gesetzt, die fĂŒr die Zeit nach der Chemotherapie und Reha relevant werden. Sie haben eher Belohnungscharakter als Anerkennung an mich fĂŒr die geleistete Arbeit, die ich hinter mich gebracht habe:

  • Mit meiner Familie ein bestimmtes Konzert besuchen.
  • Mit einem Camper nach Norwegen und Nordlichter fotografieren
  • Mehr Zeit mit der Familie verbringen und diese bewusster genießen
  • Medienzeit messbar reduzieren und das Smartphone öfters mal beiseite legen.

Meine langfristigen Ziele sind bislang noch nicht so zahlreich, da ich mich aktuell mehr auf das „hier und jetzt“ fokussiere und eher mittelfristig plane. Zwei Ziele habe ich aber bereits gefasst, an denen ich auch jetzt schon teilweise jeden Tag etwas arbeite:

  • 2020/2021: GrĂŒndung eines kleinen gemeinnĂŒtzigen Vereins oder Stiftung, um nach all dem Support, den ich wĂ€hrend meines Weges erfahren durfte, auch etwas an andere zurĂŒckzugeben.
  • 2022: Teilnahme an einem bestimmten Crossfit-Wettbewerb

Wichtig bei allen Zielen ist, dass du sie so genau wie möglich fomulierst. „Ich will mich gesĂŒnder ernĂ€hren“ ist nicht so spezifisch wie „Ich möchte versuchen, an 3 Tagen pro Woche auf gesĂŒĂŸte GetrĂ€nke zu verzichten!“. In meinem Arbeitsleben habe ich bislang recht viel mit Projekten und Zielen Kontakt gehabt. Das half mir bereits sehr bei der guten Definition von Zielen. Eine sehr gute Regel dafĂŒr ist zum Beispiel die sogenannte „SMART“-Regel. Hierbei steht jeder Großbuchstabe fĂŒr eine Zieleigenschaft:

  • S; Spezifisch – benenne dein Ziel so genau wie möglich
  • M: Messbar – definiere die HĂ€ufigkeit und die QualitĂ€t, die du bei deinem Ziel erreichen möchtest
  • A: AusfĂŒhrbar – Setze dir Ziele die erreichbar sind.
  • R: Realistisch – Dein Ziel sollte mit deinen Mitteln erreichbar sein
  • T: Terminiert – Wann möchtest du das Ziel erreicht haben?

Zum Schluss noch ein gutes und ein schlechtes Beispiel von Zielen:

Schlechtes Beispiel: „Ich möchte wie Superman sein!“.
Wieso ist das ein schlechtes Beispiel? Die „SMART“-Formel verrĂ€t es uns:

  • Ist es „spezifisch“? Nicht wirklich, oder? Was genau macht „Superman“ denn aus? Und was davon ist es, dass du erreichen möchtest? Dir die NĂ€chte um die Ohren schlagen und Menschen retten? Aussergewöhnliche körperliche Resistenz? Schicke Spandex-Klamotten?
  • Ist es „messbar“? Auch nicht so richtig. Woran macht man fest, wie oft Superman Superman ist? Ist Superman immer Superman oder auch oft nur Clark Kent
  • Ist es „ausfĂŒhrbar“? Die wenigsten von uns werden vom Planeten Krypton stammen – und ein Prozedere, dass uns in Superman transformiert, ist mir (leider) nicht bekannt. Also: neeee, next!
  • Ist es „realistisch“? Ich mach es kurz: Nein! Ich hab selbst schon oft genug versucht, Superman zu werden / zu sein. Ich bin halt einfach Alex.
  • Ist es „terminiert“? Das Ziel „Ich möchte wie Superman sein“ verfĂŒgt ĂŒber kein Anfangs- und oder Enddatum. Also auch hier nein. In der Schule wĂŒrde man fĂŒr so eine Zielformulierung wohl eine 6 kassieren. Setzen!

Ein wesentlich besseres Beispiel ist das Folgende: „Ich möchte ab morgen mindestens 2x pro Woche fĂŒr jeweils 30 Minuten in meinem Fitnessstudio ein Cardiotraining absolvieren!“. Gehen wir auch hier mal in die Analyse:

  • Ist es „spezifisch“? Ich finde schon. Wir haben das Ziel sehr genau definiert. Sogar an einen Startzeitpunkt haben wir gedacht.
  • Ist es „messbar“? Auch das! Denn am Ende der Woche kannst du dir ja sehr einfach beantworten, ob du dich 2x oder öfters im Studio abgerackert hast!
  • Ist es „ausfĂŒhrbar“? Wenn du bereits in einem Fitnessstudio angemeldet bist, dann uneingeschrĂ€nkt „ja“. Wenn nicht, kannst du dich anmelden – also auch „ja“.
  • Ist es „realistisch“? 2x pro Woche ein moderates Cardiotraining von 30 Minuten LĂ€nge zu absolvieren halte ich fĂŒr sehr realistisch. Anders sĂ€he es dann schon bei einer Dauer von 3 bis 4 Stunden aus.
  • Ist es „terminiert“? Du hast das Ziel zumindest auf einen Anfang („ab morgen“) und einen Umfang („fĂŒr jweils 30 Minuten“) definiert. Die Königsklasse wĂ€re dann auch noch ein Enddatum („fĂŒr die Dauer von 6 Monaten.“). Da aber Cardiotraining immer gut ist, drĂŒcken wir hier ein Auge zu. Cardiotraining geht immer – auch fĂŒr den Rest deines langen, gesunden, glĂŒcklichen Lebens!

LASS DIR ZEIT – Gut ding braucht weile!

Du hast dir alle diese Tipps zu Herzen genommen, aber es klappt trotzdem noch nicht so richtig? Keine Panik. Alles kommt mit der Zeit. Versuche bei RĂŒckschlĂ€gen zu reflektieren, woran es lag. Hast du dir deine Ziele zu eng gesteckt? Versuch es nochmal mit etwas reduzierten Parametern. Auch kleine Fortschritte sind Fortschritte.

SPRICH ÜBER DEINE ERKRANKUNG!

Zu guter Letzt eine Bitte und ein Rat gleichermaßen. Teile dich mit. FĂŒr mich selbst wĂ€re es undenkbar gewesen, einen Blog aufzusetzen oder auf meinen social media KanĂ€len ĂŒber das Thema Krebs im Allgemeinen und ĂŒber meinen Weg dadurch zu berichten. Durch Zuspruch von allen Seiten habe ich mich aber dennoch dazu durchgerungen, darĂŒber zu sprechen. Daraus habe ich fĂŒr mich festgestellt: „Es macht Mut!“. Nicht nur mir selbst, sondern mittlerweile auch anderen. DafĂŒr alleine hat es sich schon gelohnt.

Abschließend muss ich aber als kleinen Disclaimer mitgeben, dass ich kein psychologisch ausgebildeter Fachmann bin, sondern lediglich Wege und Mittel schildere, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe. Du selbst kannst einzig und allein entscheiden, ob und was du ĂŒbernimmst.

(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 12.03.2020 BIS 14.03.2020: Börsencrashs, Blutwerteabfall, Besucherregulation und Baumwollmasken

Momentan passiert ziemlich viel um mich herum. Auf der anderen Seite bin ich aber auch derbe mĂŒde, um hier regelmĂ€ĂŸig was zu veröffentlichen. Ich hoffe, ihr seht es mir nach. Ich mach jetzt mal wieder einen kleinen Wrapup der letzen 3 Tage. Der wird es allerdings in sich haben. Also lieber mal vorsichtshalber aufs zarte Popöchen setzen. Es wird Ă€hnlich sozialkritisch wie sonst nur „die Simpsons“.

Der alte Mann auf meinem Zimmer ist heute entlassen worden. Ich bekomme zum Trost eine Portion Fenistil, Bleomycin, Vincristin und Paracetamol. Prost!

Nach einem kurzen Plausch mit Fr. Dr. ĂŒber meine Werte und mein Befinden: „Wir können eigentlich Copy & Paste von gestern machen, Frau Doktor! Es geht mir nach wie vor gut!“, nutze ich die Stille ohne Zimmergenossen und schlafe noch ein bisschen. Sehr gut getimed, wie ich finde, denn das Fenistil macht mĂŒde. Jemand hat vergessen, den Sauerstoff abzustellen, der durch die Kartusche mit Wasser fließt um dem alten Mann das Atmen etwas zu erleichtern. Somit blubbert der munter durch die Kartusche mit FlĂŒssigkeit. Das hat was herrlich beruhigendes. Genauso wie die Sonne, die warm auf meine nackten FĂŒĂŸe scheint. Herrlich.

Das allgegenwĂ€rtige Thema ist natĂŒrlich auch bei mir und in der Klinik „Corona“. Ich hab es da hier in der Klinik aber noch recht gut getroffen. Da ist Hamburg ja top aufgestellt. Die Alarmierungs- und Behandlungskette sieht meine Klinik erst an Stelle 3 zur Behandlung von Corona-Patienten vor. Als erstes werden alle Corona-FĂ€lle im UniversitĂ€tsklinikum Eppendorf behandelt, wenn da die KapazitĂ€ten ausgeschöpft sind, wird das Bundeswehrkrankenhaus in Wandsbek in ZustĂ€ndigkeit versetzt. Erst dann ist die Asklepios Klinik Barmbek vorgesehen. Alles in allem also doch ziemlich unrealistisch, dass ich einem erhöhten Risiko ausgesetzt bin. Aber dennoch… allein die ganze MedienprĂ€senz, die Panik und Hysterie macht mich und alle um mich rum auch langsam echt wuschig und geht an die Substanz. Das ganze erscheint mir schwerwiegender als der Virus an sich.

Erschwerend kommt hinzu, dass fast alle rund um die Uhr ununterbrochen online sind und mit News und Fake News nur so zugebombt werden.

Ich habe in den vergangenen Tagen oft versucht Erinnerungen an 2002/2003 hervorzukramen als SARS das erste Mal auftrat. Was soll ich sagen? Da gibt es keine Erinnerungen dran. Damals schien das Leben ohne Panik und Hysterie weiter zu gehen. Dann gab es 2012 wohl auch noch MERS?! Wie haben wir das nur ĂŒberlebt? Und dann kam der Siegeszug der Smartphones und damit einhergehend scheinbar auch die totale Verblödung bei gleichzeitiger PaniksensibilitĂ€t und HysterieanfĂ€lligkeit der Bevölkerung.

Was ich dieser Tage alles so gelesen habe, lĂ€sst mich ernsthaft mit dem Kopf schĂŒtteln und ich frage mich, wo die FĂ€higkeit der Menschen geblieben ist, Fakten zu prĂŒfen. Alles wird unverifiziert und ungefiltert weitergegeben. Wie die Schafe. Eins blökt „MĂ€h“, alle anderen stimmen ein.

Beispiel gefĂ€llig? In einer WhatsApp-Gruppe hieß es: „Kaufland macht alle Filialen zu!“. Keine Quellenangabe, nichts. Einfach stumpf und ungefiltert weitergeblökt. Ein kurzer Besuch von mir auf der Facebook-Seite sorgt fĂŒr AufklĂ€rung:

Ich glaube, dass ist die wahre Gefahr, bei der ganzen virulogischen Lage, in der wir uns befinden. Das bewusste oder unbewusste Streuen von Falschinformationen.

Weiteres Beispiel…

Behauptung: „IKEA in Schnelsen hat geschlossen!“

Wahrheit: „Das SmĂ„land wurde geschlossen, damit die Kinder keinen erhöhten Gefahrenquellen ausgesetzt sind.“

Und was mach ich? Ich frage mich, ob ich der einzige verbliebene Mensch bin, der in der Lage ist, Aussagen zu hinterfragen und Fakten zu prĂŒfen.

Leute… ihr habt doch eh Langeweile. Da könnt ihr doch auch weitere 10 Sekunden investieren und mal kurz eine FaktenprĂŒfung durchfĂŒhren, bevor ihr all eure WhatsApp-Gruppen, Facebook-Freunde oder Instagram-Follower verrĂŒckt macht!

Das bringt mich dann auch zum nĂ€chsten Tagesordnungspunkt fĂŒr heute. Meine Atemschutzmaske aus Baumwolle ist mittlerweile mein Heiliger Gral geworden. Er schĂŒtzt mich zumindest vor 98 % der Keime, Viren und Bakterien. Aber auch da gibt es mittlerweile ernste EinschrĂ€nkungen. Mundschutzmasken werden hier in der Klinik mittlerweile weggeschlossen und rationiert. Jede Schwester, jeder Pfleger und jeder Arzt bekommt pro Schicht inzwischen nur noch EINE MASKE. Weil der Bestand sonst in Gefahr gerĂ€t. Warum? Weil anscheinend auch Mundschutzmasken von HysterielĂ€mmern gebunkert werden. Masken, die fĂŒr andere Leute lebenswichtig sein können, liegen in Haushalten rum, wo sie wahrscheinlich in ein paar Monaten weggeworfen werden, wenn das Thema durch ist. Und Klopapier… warum Klopapier? Ich denke, Corona schlĂ€gt auf die Lunge? Klopapier ist doch aber fĂŒr den Ar***. Und Nudeln!? WARUM NUDELN?! Aus Nudeln kann man nichts machen außer…. NUDELN. Warum kauft man dann nicht wenigstens Kartoffeln? Ich hab da lange drĂŒber nachgedacht. Der fĂŒr mich einzig logische Ansatz:

Die oben bereits erwĂ€hnte fortschreitende geistige UnterkapazitĂ€t. Ich habe die BefĂŒrchtung, dass die Leute vielleicht einfach keine Kartoffeln mehr kochen können. Weil auf der Kartoffel keine Kochzeit drauf steht? Oder braucht es zum Kochen von Kartoffeln ein YouTube-Tutorial? Die Kartoffel… ein scheinbar unterschĂ€tztes NachtschattengewĂ€chs. Wir haben zuhause Kartoffeln, so mein aktueller Sachstand. In der Krise, so denn eine kommt, kann ich mich also auf meine SĂŒĂŸe verlassen, das wir zumindestens kulinarisch nicht an blanker Ödness verrecken. Oh du Kartoffel. Quell schier unerschöpflicher Mahlzeitenvariation:

  • Kartoffelpuffer
  • KartoffelpĂŒree
  • Salzkartoffeln
  • Pommes
  • Kartoffelauflauf
  • Kartoffelsalat
  • und, und, und

Aber nein… NUDELN! Und REIS! Das ist doch alles unterschwellige Psychologie. Woher kommen denn Reis und Nudeln? Reis? Aus China. Woher kommt der Corona-Virus? Bing, bing, bing… Jackpot! China! Woher kommen denn die Nudeln? Ja!!! Aus Italien – da wo der Virus gerade schön am meisten wĂŒtet. Ich bleib bei der Kartoffel! Der 14.03. wird ab jetzt fĂŒr mich persönlich Welttag der Kartoffel sein. Passt auch gut zum Schnitzel. Ein weiteres Traditionsrezept. Hat heute auch einen eigenen Welttag. Einfach mal „Schnitzel 14.3.“ googlen. Es lohnt sich. Versprochen! 😂 Das ist dann mal was lustiges abseits der ganzen Hysterie. Nochmal ĂĄ propos Hysterie: Was das alles fĂŒr Kreise zieht, sieht man ja auch an den Börsen. Tiefstwerte wie vor 16 Jahren. Grandios… wĂ€re jetzt ein guter Zeitpunkt um gĂŒnstig Aktien zu kaufen. Wenn man cash hĂ€tte und nicht all seine Ersparnisse in Nudeln, Reis und Klopapier investiert hĂ€tte.

NĂ€chstes Thema:

Hier in der Klinik herrscht seit 3 Tagen Besucherregulation. Heißt: jeder Patient darf pro Tag nur noch eine Person zu Besuch empfangen. Damit leistet die Klinik ihren wichtigen Beitrag zur EindĂ€mmung der Epidemie. Das ist auch so etwas, was ich nicht verstehe. Da ist ein Virus unterwegs und das Volk muss dezidiert darauf hingewiesen werden, was zu tun ist. Ich habe das GefĂŒhl, dass die Leute es zuhause nicht mehr aushalten. Haben denn alle Feuerameisen auf der Couch oder warum kann man nicht mal eine Zeit lang mit dem Hintern zuhause bleiben?! Klar, Besuch bekommen ist schön, richtig und wichtig. Aber es gibt auch Patienten, die mit ihrem Immunsystem aufpassen mĂŒssen. Wie ich zum Beispiel.

Ach und nochwas. FĂŒr alle PanikhĂ€schen (ich hĂ€tte fast Panikhöschen geschrieben. HĂ€tte aber auch gepasst) da draußen: wenn ihr Panik habt, dann schaut euch mich an und erhebt mich in den Stand einer Gottheit! Ich lebe hier gerade mehrfach am Limit! Im allerwahrhaftigsten Sinne des Wortes.

  • Meine Blutwerte sind im Keller
  • Schutzmasken sind knapp
  • Nudeln gab es hier seit Tagen nicht mehr als Beilage

Und, und das ist der entscheidende Punkt der mich fĂŒr den Megaman-Award 2020 nominiert und legitimiert.

  • Ich teile mir das Zimmer mit einem Italiener!

Ohne Witz. Und ich lebe noch. Ziemlich gut sogar. Und er auch. Obwohl: manchmal verspĂŒre ich den Drang ihn mit Desinfektionsmittel zu besprenkeln wie der Pfarrer mit dem Weihwasser in der Kirche. 😁

Das war es dann vorerst fĂŒr heute und die vergangenen Tage. Sorry, war sehr sozialkritisch, aber extreme Zeiten erfordern nun mal extreme Maßnahmen. Und ein Augenzwinkern! 😉 Und bald ist der Zyklus 3 von 4 ja dann auch geschafft und ich darf nach Hause. Ich hoffe, es gibt Nudeln! Und Klopapier.

Bis dann, liebes Therapietagebuch.

NEUTROPENIE

Heute befasse ich mich mal damit, warum die Maske mein Lebensretter sein kann. Viele fragen mich: „Musst du denn isoliert werden?“ „Darfst du die Klinik nicht verlassen?“ „Triff dich doch einfach draußen mit deinen Lieben!“. Das ist leider bei mir nicht so einfach. Die heftige Dosis meiner Chemotherapie wirkt sich leider sehr negativ auf meine Blutwerte aus. Im ersten Zyklus starben dadurch meine Neutrophilen komplett ab, also die Fresszellen im Blut, die eindringende Viren und Bakterien aufnehmen und verdauen. Eine Neutropenie Grad 4 war das Ergebnis. Wie du auf der Skala in Bild 2 sehen kannst, kommt nach Grad 4 nicht mehr viel
 Generell kann man bei einem gesunden Immunsystem von 4.000 bis 10.000 Leukozyten pro Mikroliter Blut (das sind alle Arten von weißen Blutkörperchen – Neutrophile sind eine Untergruppe der Leukozyten) ausgehen. Bei meiner GrĂ¶ĂŸe und meinem Gewicht hat mein gesamtes Blut im gesunden Zustand etwa 32 Mrd. Leukozyten. Aktuell sind es aber nur 2,4 Mrd. Zellen. Das macht einen Anteil von 7,5 % aus. Der Wert pro Mikroliter Blut liegt bei mir derzeit bei 300 Zellen. Alles unter 500 bedeutet: „vollstĂ€ndiger Verlust der Immunfunktion.“. Daher ist es fĂŒr mich jeden Tag ein erneutes AbwĂ€gen, ob ich es riskiere, meine Lieben zu sehen oder eher nicht. Und das die Zeilen von Sido‘s Songchorus „Ich & meine Maske“ leider derzeit echt gut passen. Corona setzt der GefĂ€hrdungslage und meiner Unsicherheit dann leider immer noch die Krone auf. Ironisch, oder? Heißt Corona doch auf Spanisch „Krone“. So schließt sich der Kreis. Wie das Rund einer Krone.

Auszug aus Sido‘s: „Ich & meine Maske“

(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 10.03.2020 BIS 11.03.2020: Lange Seefahrt, einsame Inseln, komische Eingeborene

Ja, zugegeben, es ist gerade ruhig hier auf meinem Blog. Das liegt aber daran, dass hier gerade nichts spannendes passiert. Meine Vitalwerte sind nach wie vor im grĂŒnen Bereich, ich nehme jeden Tag fleißig meine Pillen und gut ist. Ich will euch ja nicht mit Dingen auf den Keks gehen, die ihr selbst alle draußen eh auch mitbekommt. Aber wenn ihr wollt. Dann halt aber wenigstens so:

WĂŒrde ich den Text meines Blog „Das (B)LOGBUCH des Herrn van Hecklundt“ wörtlich nehmen, KlĂ€nge der LOGBUCHEINTRAG der letzten Tage wohl so:

„Wir sind jetzt 3 Tage lang auf hoher See. Immer nur Wasser unter dem Kiel unserer MS CANCERIA. Hin und wieder passieren wir kleinere Inseln, trauen uns aber nicht an Land. Irgendwas scheint ‚da draußen‘ vorzugehen. An den Ufern der Inseln tummeln sich Leute neben Haufen von Nudeln, Reis, Desinfektionsmitteln und Klopapier. Wir lassen eine Flaschenpost zu Wasser und fragen die Eingeborenen, was Sache ist. Die Antwort ist kryptisch:

„Weltweite Katastrophe! Corona-Virus! Wir werden alle sterben!“.

War also doch eine gute Entscheidung, keinen Fuß auf die Inseln zu setzen. Ich befehle dem Smuut zu prĂŒfen, ob wir in unseren BiervorrĂ€ten auch VorrĂ€te an Corona halten. Schweißperlen treten auf seiner kahlen Glatze hervor. Er hustet trocken. Nach 30 Minuten kommt er mit beruhigenden Nachrichten zurĂŒck: „Nur Multivitamin-, Apfel-, Kirschsaft und eine letzte Flasche Mischmasch. Bei den FestvorrĂ€ten ist die Stracke aufgebraucht, die Runde auch alle. Da sind wir leergefegt! Haben aber noch etwas Obst in der KombĂŒse und Naschkram im Frachtraum. Eine Scheibe Brot hat eine kleine Schimmelstelle!“. „Könnte schlimmer sein!“ entgegne ich und befehle, die Schimmelbrotscheibe zu den Haien ĂŒber die Planke gehen zu lassen und drehe eine Flasche Multivitaminsaft auf.

Mehr kann ich leider derzeit nicht berichten. Bis dann ganz bald. Ich hau mich wieder in die HĂ€ngematte und harre den Dingen und den Strapazen dieser lĂ€ngeren Überfahrt. Sollte alles nach Plan laufen, erreichen wir spĂ€testens kommenden Mittwoch den sicheren Hafen von New Hamburg. Das bedeutet dann wieder Wein, Weib, Witzigkeit!

(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 09.03.2020: Gute Blutwerte, Schlechter Schlaf und der beste Besuch.

Es ist mittlerweile der 10.03.2020 04:19 Uhr. Seit bestimmt zwei Stunden liege ich wach. Der Grund? So vieles. Ungewissheit, Paniktendenzen, ein alter Mann, mit dem ich mir mein Zimmer teile und der nachts vor sich hinstöhnt, als mĂŒsse er einen Eiche-massiv-Schrank verrĂŒcken. VerrĂŒcken… da ist doch das Adjektiv „verrĂŒckt“?! Das werde ich hier auch bald, wenn das so weitergeht. Und dabei muss ich mich fragen, warum ein Patient, mit dem die Ärzte in der Visite immer nur ĂŒber seinen Herzinfarkt reden, auf der Onkologie liegt. Ich bin ja, glaub ich, echt geduldig, aber irgendwann nervt es auch mich. Aber da muss ich halt jetzt auch durch. Generell scheine ich mir ja die „beschissenste“ Zeit ausgesucht zu haben, um gegen den Bastard Krebs anzutreten. Corona hier, Corona da, nur nicht mehr im KĂŒhlschrank. Aber das ist mir auch ziemlich schnuppe, ich soll ja Alkohol eh meiden. Schaff ich auch. Um Klopapier muss ich mir zum GlĂŒck auch keine Sorgen machen, aber anscheinend wirklich um Nudeln und Reis. Reis gab es seit letzten Donnerstag nicht einmal. Bei Nudeln bin ich mir auch nicht mehr so sicher. DafĂŒr Kartoffelstampf dass es einem zu den Ohren rauskommen kann. đŸ€Ș Sorgen mache ich mir auch um Mundschutzmasken. Die Schwester sagte gestern zu mir, dass die Belieferung schwierig ist und dass derzeit nur auf die VorrĂ€te und Reserven zurĂŒckgegriffen werden kann/muss. Aber hey! Ist ja nicht so schlimm. Hauptsache da draußen bunkern mental verstorbene aber sich bester Gesundheit erfreuender Panikschafe Sterilium, Mundmasken, Nudeln oder Reis. Mundmasken, die sie benutzen können, WENN sie sich Corona aufgehalst haben, um andere NICHT anzustecken. Nicht, um sich davor zu schĂŒtzen. Denn die Fetzen schĂŒtzen nicht großartig vor Infektionen von außen. Sagt man zumindest. Ich bin ja kein Diplom-Maskologe. Kauft doch lieber KartoffelpĂŒree (BegrĂŒndung: siehe oben!) Ich hoffe nur, dass es noch genĂŒgend von den Mundmasken gibt, wenn mein Blutbild demnĂ€chst erwartungsgemĂ€ĂŸ nach unten rauscht und das Pflegepersonal die Umkehrisolation verhĂ€ngt. Die Börsen spielen auch verrĂŒckt. Mal hoch, mal runter. WĂ€re die Börse eine Wippe, jedes Kindergartenkind hĂ€tte seine blanke Freude. 😂 Das einzige, was stabil zu bleiben scheint, ist der Dönerpreis. Und damit schließe ich meine Nörgelvorstellung und leite in bester Gottschalk’scher Manier ĂŒber zu den Good News of Life! Ja, meine lieben Leser jĂŒngeren Baujahres als 1988, Gottschalk, mit Vornamen Thomas, war mal ein Fernsehmoderator. Ist er vielleicht immer noch, man sieht aber nicht mehr viel von ihm. Ab und an schawĂ€nzelt er mal bei Germany‘s next KleiderstĂ€nder rum. Kurz gesagt: Thomas Gottschalk ist der Joko Winterscheid der 80er und 90er Jahre. Nur mit mehr Haaren auf dem Kopf, dafĂŒr weniger im Gesicht. Aber zurĂŒck zum Döner – die wichtigen Themen halt -. Meine SĂŒĂŸe und unsere Kinder sind heute aus dem fĂŒr mich ausgefallenen AllgĂ€u-Urlaub zurĂŒckgekommen und haben mich natĂŒrlich direkt besucht. Mit einem Döner. 😄 Lecker. Ich hĂ€tte auch zwei verdrĂŒcken können, weil das Mittagessen eher suboptimal war. Eine Scheibe LeberkĂ€se und Überraschung: KartoffelpĂŒree! Keine coole Kombination mit dem Cortison-Dauerkohldampf. Die MĂ€dels haben mir aufgeregt von ihren Urlaubsabenteuern erzĂ€hlt. Meine JĂŒngste hat ein neues Zahlwort erfunden. Die unbestimmte Menge an Personen im Zahlenraum zwischen 2 und 3. „Da nimmt man sich einen Reifen, geht zur Rutsche und dann kann man da zu zwitt rutschen!“. Zu zwitt… ich liebe es. Und sie. Zu zwitt. Das werde ich jetzt etablieren. So wie „drölfzig“. 😂 Leider waren sowohl die MĂ€dels von der Fahrt, als auch ich von den letzten Chemotagen groggy, so dass wir uns nicht so lange Gesellschaft leisten konnten, wie wir es gern gewollt hĂ€tten. Aber morgen – vielmehr heute – ist ja auch noch ein Tag.

Na, wer entdeckt mein kleines Superhelden-Geheimnis? 🩇

Ansonsten gibt es glaub ich nicht mehr so viel zu sagen zum 09.03.2020. Ich versuche jetzt um 05:00 Uhr noch etwas zu schlafen. Achso: morgen (nein! Heute) Nacht ist Vollmond mit höchster Strahlkraft. Ich hoffe aus den Coronanten werden dann keine Zombies. Wenn ich die GerĂ€usche höre, die nachts aus meinem Zimmerbeiliger kommen, befĂŒrchte ich das aber schon. Ich wĂŒsste nicht, wo ich so schnell so ein Anti-Zombie-Outfit herbekomme, wie Milla Jovovich es in Resident Evil trĂ€gt (schreibt man das so? Oder doch Milla Jowowitsch?), herrje, ich Google das jetzt. Hach, war doch im ersten Anlauf richtig! In diesem Sinne: Gute (Rest-)Nacht!

Schmökersonntag, der 08.03.2020: wie erklÀrt man Kindern, dass man an Krebs erkrankt ist?

Im heutigen Schmökersonntag möchte ich einmal auf das vielleicht schwierigste Teilthema eingehen, mit dem man sich im Rahmen einer Krebserkrankung vielleicht befassen muss. Wie erklÀrt man Kindern, dass Mama, Papa oder vielleicht das Geschwisterchen an Krebs erkrankt ist? Wie ihr ja vielleicht wisst, bin ich selbst Vater zweier kleiner Kinder im Alter von 7 und 9 Jahren.

Da die Krankheit erst langsam schleichend als Prognose auf uns zukam, dann aber alles Knall auf Fall ging, hatten wir nicht großartig Möglichkeiten, uns ĂŒber die AufklĂ€rung der Kinder Gedanken zu machen. Wir haben es dann so gut es geht mit eigenen Mitteln in etwa so versucht:

„MĂ€dels, wir mĂŒssen euch mal was erzĂ€hlen. Papa muss in der nĂ€chsten Zeit öfters mal ins Krankenhaus. Ich möchte euch auch sagen warum. Jeder Körper besteht ja aus ganz vielen Zellen. Alles, was ihr an eurem Körper seht, ist eine Verbindung ganz vieler Zellen. Haare sind Zellen, eure Zunge, Augen, euer Gesicht, Haut, eure Organe, euer Blut. All das besteht aus Zellen. Ab und zu kann es bei Menschen vorkommen, dass sich die Zellen aber nicht so verhalten, wie sie es sollten und einfach immer weiter wachsen, obwohl sie eigentlich schon fertig sind. Das ist bei Papa der Fall. Ein paar meiner Zellen sind zu groß geworden und deshalb muss ich jetzt ein paar mal ins Krankenhaus. Aber ich bin mir sicher, dass die Ärzte mir da gut helfen können, dass meine Zellen bald wieder gesund werden. Allerdings wird es ein paar VerĂ€nderungen an mir geben. Die Ärzte werden mir Medikamente geben, die die kranken Zellen vertreiben sollen und neue gesunde Zellen aufbauen. Diese Medikamente können aber nicht so gut zwischen gesunden und kranken Zellen unterscheiden, so dass es passieren kann, dass auch viele gesunde Zellen verschwinden. Aber keine Sorge, die wachsen ja auch wieder nach. Ich hab euch ja auch eben schon erzĂ€hlt, dass auch Haare Zellen sind. Es kann also auch sein, dass die Medikamente meine Haarzellen angreifen, so dass die dann ausfallen. Das sieht am Anfang vielleicht ungewohnt aus, aber auch die Haare kommen dann wieder, wenn alle Zellen wieder gesund sind. FĂŒr mich ist es wichtig, dass ihr, wenn ihr Fragen habt, oder ihr euch um etwas sorgt, mit mir oder Mama darĂŒber sprecht, ok?“

Diesen Ansatz haben die Kinder fĂŒr mein Empfinden wohl auch recht gut aufgenommen. Wir haben mit Absicht das Wort „Krebs“ nicht in den Mund genommen. FĂŒr unsere MĂ€dels kann das Wort „Krebs“ gern noch eine Zeit lang mit den kleinen Krabbeltieren verbunden bleibt, die wir immer an der Ostsee sehen.

Nun habe ich mich aber zwischenzeitlich aber auch ausgiebig mit dem Thema AufklĂ€rung von Kindern beschĂ€ftigt und bin auf drei BĂŒcher gestoßen, die ich als sehr gelungen fĂŒr die AufklĂ€rung und Sensibilisierung von Kindern halte. Zwei davon sind direkt fĂŒr den Kontakt mit Kindern gedacht, eins davon ist ein Sachbuch, dass Eltern als Ratgeber dient und eher ausfĂŒhrlich und ohne nennenswerte Bebilderung auskommt.

Buch fĂŒr Kinder #1: „Leo’s Papa hat Krebs.“

„Leo’s Papa hat Krebs“ ist ein Gemeinschaftswerk von der Gestalttherapeutin und Psychoonkologin Sabine BrĂŒtting, der psychologischen Psychotherapeutin Dr. phil. Dipl.-Psych. Claudia Heinemann und der freiberuflichen Illustratorin Anke Hennings-Huep.

Das Buch ist aus der Sichtweise des kleinen Leo geschrieben, der eines Tages von seinen Eltern die Nachricht bekommt, dass sein Papa an Krebs erkrankt ist und dass vieles jetzt „ein bisschen anders wird“. Es beschreibt, in kindgerechter und leicht verstĂ€ndlicher Sprache, was Leo’s Papa in der Klinik durchstehen muss, wie es ihm unter dem Einfluss der Chemomedikamente ergeht, aber auch, dass Leo einfach auch weiterhin Leo bleiben darf, mit Freunden spielen darf und nicht immer nur an den blöden Krebs denken muss. Es erklĂ€rt aber auch, weshalb Leo’s Papa ganz dĂŒnn ist und keine Haare mehr hat, als er aus dem Krankenhaus kommt. Und wieso er schnell genervt ist, wenn Lisa und Leo sich streiten.

Das Buch umfasst insgesamt 40 Seiten, die durchweg schön illustriert und verstĂ€ndlich geschrieben sind. Der von den Autoren empfohlene Altersbereich fĂŒr dieses Buch liegt bei 3 bis 7 Jahren. Die ISBN zum Bestellen lautet:

  • ISBN-10: 3867391300
  • ISBN-13: 978-3867391306

ErhĂ€ltlich ist das Buch in jeder Buchhandlung oder als Kindle- und Buchversion beim großen Onlineversender mit A. Da ich Buchhandlungen nicht verlinken kann, bleibt mir hier also nur die Empfehlen via AMZN.

Link zur Kindle- und gebundenen Fassung: Leo’s Papa hat Krebs


Buch fĂŒr Kinder #2: „Wie ist das mit dem Krebs?“

Das zweite Buch, dass ich euch vorstellen möchte, ist schon etwas ausfĂŒhrlicher. Auf 96 Seiten richtet sich die Autorin Frau Dr. Sarah Herlofsen an Kinder ab 6 Jahren. Das Buch ist somit gut fĂŒr alle Kinder geeignet, fĂŒr die „Leo’s Papa hat Krebs“ vielleicht schon zu verspielt ist. In unfangreichen Kapiteln behandelt „Wie ist das mit dem Krebs?“ ausfĂŒhrlich Themen wie:

  • Zellen
    • Was ist eine Zelle?
    • Woher kommen Zellen?
    • Wie lange lebt eine Zelle?
    • Was machen Zellen?
    • Woher wissen Zellen, was sie machen sollen?
  • Kranke Zellen
    • Was ist eine Krebszelle?
    • Wo im Körper kann man Krebs bekommen?
    • Wie entstehen Krebszellen?
    • Wo kommen diese Fehler her?
    • Wer kann Krebs bekommen?
  • Der Körper verteidigt sich
    • Was sind Abwehrzellen?
    • Was ist der Unterschied zwischen Krebs und anderen Krankheiten?
    • Wie können wir Krebs bekĂ€mpfen?
  • Der Körper braucht Hilfe
    • Was passiert bei einer Operation?
    • Was ist eine Chemotherapie?
    • Was passiert bei der Strahlentherapie?
    • Was ist eine Immuntherapie?
    • Was ist eine Stammzellentherapie?
    • Woher kommen die neuen Stammzellen?
  • Gesund werden
    • Wie lange dauert eine Krebserkrankung?
    • Kann man wieder gesund werden?
  • Kann man an Krebs sterben?
    • Was passiert mit dem Körper, wenn wir sterbern?
  • Nachwort fĂŒr die Erwachsenen
  • Hilfreiche Adressen
  • Über die Autorin

AusfĂŒhrlich bebildert und mit leicht verstĂ€ndlichen Texten fĂ€llt es Kindern im Grundschulalter recht leicht, die Texte zu verstehen. Am besten ist es jedoch immernoch, das Buch gemeinsam mit dem Kind zu lesen. So können Fragen direkt gestellt und beantwortet werden.

Auch dieses Buch solltet ihr in jeder Buchhandlung bekommen oder eben bequem via AMZN.

ISBN-Daten:

  • ISBN-10: 3522305043
  • ISBN-13: 978-3522305044

Link zur Kindle- und gebundenen Fassung: Wie ist das mit dem Krebs?


Buch fĂŒr Erwachsene mit Kindern: „Was macht der Krebs mit uns?: Kindern die Krankheit ihrer Eltern erklĂ€ren.“

Rund 200.000 Kinder und Jugendliche sind jedes Jahr allein in Deutschland mit betroffen, wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt. FĂŒr die Eltern kommt zu all dem persönlichen Stress im Umgang mit der Erkrankung noch das Problem, die Kinder einzubeziehen, ihnen all das zu erklĂ€ren, was nun kommt und kommen kann.
Das Buch „Was macht der Krebs mit uns?: Kindern die Krankheit ihrer Eltern erklĂ€ren“ orientiert sich am Verlauf der Krankheit, macht Eltern die Wahrnehmung der Kinder deutlich und gibt viele Anregungen, wie und wann was getan werden sollte. Dabei geht es hauptsĂ€chlich darum, eine familiĂ€re Kommunikation zu ermöglichen, um Kindern bei der BewĂ€ltigung der elterlichen Erkrankung zu helfen – und zwar bis hin zum Versterben des Elternteils.
Frau BrĂŒtting hat zudem Kinder und Jugendliche ihrer Gruppenangebote eingeladen, zu bestimmten Aspekten selbst etwas zu schreiben. Diese O-Töne geben dem Buch eine besondere Note. Sehr offen werden hier sowohl die Nöte als auch die WĂŒnsche und Sichtweisen der Kinder und Jugendlichen ausgedrĂŒckt.

Das Buch umfasst 168 Seiten und ist als Kindle- oder broschierte Version erhÀltlich.

ISBN-Daten:

  • ISBN-10: 3867390649
  • ISBN-13: 978-3867390644

Link zur Kindle- und broschierte Fassung von „Was macht der Krebs mit uns?: Kinder die Krankheit ihrer Eltern erklĂ€ren“

(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 07.03. und 08.03.2020: MĂŒdigkeit, Coronapanikwut und

07.03.2020: MĂŒdigkeit, Plauschgelegenheiten, Coronopanikwut

Gestern (07.03.2020) war der letzte der anstrengenden 3 Tage die an jedem Zyklusbeginn stehen. Das merke ich dann auch immer ziemlich. Am dritten Tag komme ich mir meist vor wie ein ferngesteuerter Schlafanzug. Der Kopf warm vom Cortison, der Körper mĂŒde von den Chemomedikamenten. Gegen 12:00 Uhr gebe ich mich dem ersten Nickerchen hin. Wenig spĂ€ter stehen meine Eltern am Bett. Wir laufen ein StĂŒck durch die Klinik, holen uns eine kleine StĂ€rkung beim BĂ€cker und spielen eine Runde Karten im Innenhof. Aber auch da könnte ich am Tisch wieder einschlafen. Um 16:30 schleppe ich mich auf mein Zimmer und falle einfach nur noch ins Bett. Meine Ohren mit Kopfhörerstöpseln versiegelt, gleite ich knapp eine Stunde durch die SphĂ€ren des DĂ€mmerschlafes. Das war gut fĂŒr den Kopf. Gut fĂŒr den Kopf sind auch die vielen Möglichkeiten zum Austausch hier. Die Schwestern, Pfleger und Ärzte auf der Station mögen Christian (meinen Zimmergenossen) und mich und kommen, wenn es die Arbeitsauslastung zulĂ€sst, auch gern mal auf einen kleinen Plausch in unser Zimmer. Das tut gut.

Mehr gibt es derzeit nicht zum 07.03.2020 zu berichten. Aktuell meide ich den Medienkonsum so gut wie möglich. Man wird ja eh nur noch von Panik und Corona vollgespammt. Danach steht mir momentan nicht der Sinn. Auch die gehĂ€uften Meldungen, dass irgendwelche mental verstorbenen Desinfektionsmittel und Masken aus KrankenhĂ€usern klauen, nerven mich. Normalerweise bin ich eher skeptisch bei solchen Nachrichten, weil ich sie selbst nicht verifizieren kann. Aber diese Klaugeschichten sind wohl echt. Die Chemoschwester auf meiner Station bestĂ€tigte mir auch, dass seit letzter Woche mehrerer Kartons mit Desinfektionsmitteln abhanden gekommen seien. Ich hoffe es gibt noch Schutzmasken fĂŒr das Personal wenn die Umkehrisolationszeit bei mir wieder losgeht. Und alles nur wegen Deppen, die meinen sich mit Nudeln, Reis, Klopapier, Desinfektionsmittel und Masken einzudecken. Da frag ich mich doch, was passiert in diesem Land, wenn hier mal 2 Wochen der Strom ausfĂ€llt oder was wirklich schlimmes eintrifft… Aber ich schweife ab und rege mich auf. Auf beides habe ich momentan keine Lust, deshalb: „CUT“!.

08.03.2020:

Heute ist ein eher ruhiger Tag. Mein Zimmergenosse Christian wird entlassen. Schade eigentlich. Ich kam gut mit ihm aus und hĂ€tte es auch noch gut und gerne 14 Tage mit ihm ausgehalten. Als „Ersatz“ wird ein Ă€lterer Herr auf mein Zimmer verlegt. Ich weiß nicht warum, aber mit Ă€lteren Patienten komme ich nicht so gut zurecht. Oftmals sind sie sehr in sich gekehrt und wenig gesprĂ€chig. Das kann schnell fĂŒr (be)drĂŒckende Stimmung sorgen.

(B)LOGBUCHEINTRAG VOM 06.03.2020: Austausch, Bulette, Coole Musik

Der Tag startet durchwachsen. Oder sollte ich sagen durchwacht? GefĂŒhlt war ich die halbe Nacht wach. Effektiv aber „nur“ von 1:30 bis 5:00 Uhr. Dennoch werde ich tagsĂŒber nicht so richtig mĂŒde. Nach dem FrĂŒhstĂŒck gibt es wieder die Chemomedikamente. Aber seit der positiven Nachricht aus dem CT macht mir das nichts mehr aus. Es ist ja jetzt alles absehbar. Auf dem Plan stehen heute auch nur zwei FlĂŒssigmedikamente, von denen eines auch nur Wirkstoff hat und das andere nur meine Hardware, also den Port, durchspĂŒlt. Das Medikament ist Etoposid und lĂ€uft innerhalb einer halben Stunde durch. Danach kommt die SpĂŒlung mit Jonosteril. Das dauert knapp ĂŒber eine Stunde.

Das nĂ€chste Highlight ist dann das Mittagessen, je nachdem, wie man es sieht. Es gibt Bulette mit KartoffelpĂŒree. Nachmittag kommen dann meine Eltern wieder zu Besuch. Ich freue mich immer sehr, wenn sie kommen. Immerhin machen sie sich 250 km auf den Weg aus dem SĂŒden Niedersachsens, kehren bei meiner Schwester in der NĂ€he von Buxtehude ein und von dort aus geht es mit der S-Bahn nach Hamburg. Vielen Dank an euch alle, dass ihr da fĂŒr mich so toll zusammenhaltet. Das bedeutet mir viel. Nachdem meine Eltern sich dann gegen spĂ€ten Nachmittag wieder auf die RĂŒckreise zu meiner Schwester machen, begebe ich mich wieder in unsere Hodgkin-WG zu Christian. Christian ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Er wird aber wohl am Sonntag entlassen. Ich kann nur hoffen, einen einigermaßen ertrĂ€glichen Zimmergenossen zu kriegen. Aber wir werden sehen. Ach ja, meine Eltern haben mir wieder Leckereien aus dem Eichsfeld mitgebracht. So bunkere ich jetzt lecker Stracke und frisches BĂ€ckerbrot in meinem Schrank. Sieht schon fast aus wie die HamsterkĂ€ufe, von denen man jetzt ĂŒberall hört. Also muss ich mich wohl outen. Ja, ich hamstere. Hoffentlich kann ich die Tage noch Mundschutzmasken abstauben, dann ist alles perfekt.

Klassischer Fall von Hamsteritis acutis. Ich hoffe, dafĂŒr gibt es morgen ein passendes Breitbandantiidiotikum… 😂

Ansonsten befinde ich mich im regen Austausch mit anderen Krebspatienten. Egal ob face 2 face oder digital via facebook oder instagram. Ich bemerke, wie ich scheinbar immer mehr Menschen mit meiner lockeren und positiven Art erreiche. Und auch von Freunden bekomme ich immer wieder Feedback. Ein Freund schrieb mir, dass er sich meinen Rat zu Herzen genommen hat und nun vermehrt von Weißwein auf Rotwein umsteigt, weil Rotwein mehr krebshemmende Wirkstoffe enthĂ€lt, als weißer. Schon allein dafĂŒr hat es sich fĂŒr mich gelohnt. Aber auch der Austausch mit anderen KrebskĂ€mpfern tut gut. Man kan man selbst sein. Man muss sich nicht verstellen, nicht immer stark sein. Man kann einfach alles so sagen, wie es ist.

Ein weiterer wertvoller Austausch entsteht immer wieder zwischen dem Àrztlichen Personal und den Schwestern und Pflegern. Christian und ich scheinen eine derart entspannte und entspannende Art zu haben, dass alle gern in unsere Hodgkin-WG kommen um zu plaudern.

Ausserdem ĂŒbertrage ich noch meine Ă€lteren BlogeintrĂ€ge auf die Plattform „Influcancer“, die es sich zum Ziel gemacht hat, Krebsblogger aus dem deutschsprachigen Raum zu vernetzen um die Krebsawareness zu steigern – und ich freue mich ein Teil dieses Projekts sein zu dĂŒrfen. Als ich fertig bin ist es auch kurz vor Mitternacht. Ein langer Tag geht zuende. Heute habe ich mir mal eine Schlaftablette geben lassen, die ich gleich einnehmen werde. Vielleicht klappt es dann mal wieder mit dem Durchschlafen. Denn seit Tag 1 des ersten Zyklusses bin ich nachts mindestens 2 Stunden wach.

In diesem Sinne: Gute Nacht, Welt! Bis morgen.