Heute gab es den ersten ernstzunehmenden Einbruch. Jetzt mittlerweile merke ich, dass alles in mir runtergefahren wurde. Sowohl physisch als auch psychisch beginnt der Chemoalltag, mich auszulaugen.

Der Morgen begann mit einem Gefühl tiefster Traurigkeit, so dass mir kurzzeitig die Augen feucht wurden. Ich hab früher immer gelernt, ich solle mich nicht so anstellen, was ich eigentlich auch immer wieder so gut wie möglich durchzog.

Aber jetzt war es soweit. Auch ich bin jetzt an dem Punkt angelangt, an dem ich mir erlauben darf, auch mal schwach zu sein. Ich will sonst immer alles perfekt gestalten – wodurch ich mir und dem eigentlich Perfekten oftmals auch selbst im Weg stehe.

Körperlich krebse (witziges Wortspiel, oder?) ich jetzt mit Appetitlosigkeit dahin. Heute Morgen ging gerade mal ein halbes Brötchen rein – danach wurde mir schlecht. Aber – positiv gedacht – drin behalten habe ich dennoch alles. Die Übelkeit ist Teil meiner „Grübelkeit“. Bereits vor Beginn der Chemo war die Nebenwirkung Übelkeit die, die mich am meisten ängstigte. Umso happier war ich, als ich feststellen konnte, dass das Klinikpersonal schnell dagegen was tun kann. Aber wieso macht mir die Übelkeit so viel aus? Was steckt dahinter? Ich weiß es nicht. Ist es das Gefühl der Hilflosigkeit, das einen überkommt, wenn man sich alles „noch einmal durch den Kopf gehen lassen muss“? Oder ist es das Gefühl, das Klinikpersonal zu belasten, wenn man den Ablauf mit dauerndem Erbrechen ins Stocken bringt?

Á propos Klinikpersonal: das sind für mich die wahren Helden hier! Das gesamte Team ist stets freundlich, nett und hilfsbereit und hat immer ein Lächeln am Start. Und ich schätze mich glücklich, dass es Menschen gibt, die Tag für Tag aufs Neue aufstehen, um anderen Leuten zu helfen. Vielen Dank! Vielen Dank an jeden einzelnen: Koordinator, Pfleger, Schwester, Arzt, Reinigungspersonal und was es auch immer noch für Funktionen gibt, die im Alltag verborgen bleiben.

Danke!

Gegen Mittag kommen meine Eltern zu Besuch. Sie wollen auch gleich unseren Hund vorübergehend in Pflege nehmen. Das macht vor allem meiner Süßen Alex den Alltag etwas leichter.

Schönen Urlaub bei „Oma und Opa“, Fellnase.

Nach der „Übergabe“ gehen wir mit den Kids eine Runde um den Block. Frische Luft tut immer gut. Und die gemeinsame Zeit erst recht.

Nach dem Spaziergang ist es 17:00 Uhr. Ich begebe mich wieder auf mein Zimmer und werde noch ein bisschen am Onlineshop arbeiten – denn leider oder gerade gilt auch hier die Devise „The Show must go on!“. Vorher stelle ich mich aber noch mal kurz auf die Waage auf dem Flur. Seit meiner Einlieferung vor 9 Tagen habe ich jetzt bereits 3,3 kg abgenommen.

Irgendwas brummt stark. Ich vermute es im Nebenraum oder über mir. Es klingt wie eine Dolce Gusto Maschine auf einer Küchenarbeitsplatte. Nach ca. 2 Minuten herrscht wieder Stille. Dann geht es wieder von vorn los. Was ist das? Muss da nebenan jemand dauerinhalieren? Ist das ein Dialysegerät? In der Onkologie? So ganz unrealistisch scheint das nicht zu sein. Soweit ich weiß, ist mein Zimmergenosse wegen einer Harnwegsinfektion hier, nicht wegen etwas ontologischem und wird bei mir nur zwischen geparkt. Am Montag soll er dann in die Geriatrie verlegt werden.

Um 18:30 Uhr gibt es dann wieder ein kleines Abendessen. Dazu gönne ich mir ein paar Gläser Traubensaftschorle – in der Hoffnung dass es vielleicht gut für die Blutbildung ist. Und zum Nachtisch haben mir meine Eltern noch ein paar Mozartkugeln dagelassen. Sie werden den Abend nicht überleben. Genauso wie die mitgebrachte Eichsfelder Stracke und die paar Scheiben Landbrot. Simpel aber lecker!

Ich frage den Pfleger, der das Essen bringt, was hier so brummt. Er hört sich kurz um und teilt dann mit:

„Ihr Zimmergenosse hat eine neue Matratze bekommen. Die pumpt sich pneumatisch auf und reguliert dadurch den Druck auf den Körper. Durch das Verfahren reduziert sich die Gefahr eines Dekubitus.“

Aha. Weiß ich ja jetzt auch Bescheid, was mich da so nervt. Aber hey. Man muss auch die positiven Dinge sehen. ICH kann wenigstens zu jeder Zeit aufstehen und rumlaufen. Der alte Mann neben mir hat zwar keinen Krebs, ist aber stark eingefallen, hat stark abgenommen und ist ans Bett gefesselt.

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