Was ich gestern noch vergessen habe: Klaus ist entlassen worden, hatte er ja so auch schon angekündigt. Kurz nachdem er die Klinik verlassen durfte, bekomme ich einen neuen Zimmergenossen. Ich hab seinen Namen leider momentan vergessen – wen wundert es? Ist ja wie im Taubenschlag hier. Nachts ist es bis 01:00 Uhr ruhig. Dann wieder etwas Tumult auf dem Flur. Ich verdächtige Herrn Sch. von nebenan. Die Nachtschwester wird mir später aber mitteilen, dass es dieses Mal wohl von der Nachbarstation kam. Mein neuer Zimmergenosse schnarcht. Ich habe Angst, dass er damit meinen Chemoständer „Ulf Braun“ zerlegt. Ich versiegele mir meine Ohren mit Kopfhörern und bin bemüht mit einem Hörbuch wieder ins Reich der Träume abzudriften. Es klappt einigermaßen.

Nach dem Frühstück kommt Herr Dr. zur Visite. Er möchte nochmal einen Lungenfunktionstest ansetzen, um auszuschließen, dass sich die Lungentätigkeit verschlechtert.

Um 12:00 Uhr bekomme ich dann Besuch von meiner Ma, mit im Gepäck ein paar Kreuzworträtsel und Eichsfelder Brot- und Wurstwaren (wahrscheinlich das eigentliche Geheimnis, wieso ich die ganze Behandlung hier einigermaßen gut wegstecke. 😁😉).

Ab Nachmittag ist dann wieder Zeit totschlagen angesagt. Erst morgen gibt es wieder flüssige Chemo, heute nur Tabletten, die sind erträglich. Morgen kommt dann nochmal das harte Zeug Bleomycin, das allerlei derbe Nebenwirkungen mit sich bringen kann. Lungenfibrose z. B. Danach geht es ab morgen auch wieder in die heiße Phase der Chemo in der das Blutbild kippt und die Blutplättchen und -körperchen zerfallen. Da ist dann wohl wieder höchste Vorsicht mit Mundschutz usw. geboten. Aber wird schon werden.

Wenn ich alleine bin, drehen sich die Gedankenkarussells. Wie geht es weiter? Wie viele Zyklen werden es wohl noch? Alles ungewiss. Auch beim Blick auf mein Konto frage ich mich, wie es weitergehen soll. 19.02. und trotzdem schon mit fast 400,-€ im Minus. Und jetzt? An das kleine Zukunftsdepot der Kinder gehen? Das wäre streng genommen Diebstahl, oder? Kann ich jemanden um Unterstützung bitten? Aber wen? Ich hab das ja nie gelernt. Andere um Hilfe zu bitten. Ich erinnere mich daran, dass viele meiner Freunde auf Facebook zu ihren Geburtstag so einen MoneyPool eingerichtet haben, in den jeder der möchte, was einzahlen kann. Egal ob für ein Geschenk oder als Spende für ein gemeinnütziges Projekt. Sollte ich das mal ausprobieren? Auf der anderen Seite: was sollen die Leute denken? Bettelst du etwa? Ist es soweit mit dir gekommen? Wirst du Anfeindungen ausgesetzt sein? Als Schmarotzer gelten? Ich wage es einfach mal.

Was dann passiert ist MEGASURREAL.

Mein ganzes Leben dachte ich: „Wieso sollte ausgerechnet dir jemand freiwillig helfen wollen?“ Oftmals hieß es in meiner Kindheit von allen Ecken: „Stell dich nicht so an, da musst du jetzt durch.“

Auch bis heute schien es mir nicht viel anders. Fernsehen habe ich mir hier in der Klinik schon größtenteils abgewöhnt, vor allem Nachrichten. Sieht man doch auf jedem Kanal größtenteils nur noch Leid und Hilflosigkeit.

Sowas verinnerlicht man dann und denkt sich, dass man sich überall allein durchkämpfen muss. Bis man dann an einen Punkt kommt, an dem es nicht mehr weitergeht.

Ich probiere es einfach mal, was soll schon schiefgehen. Und dann DAS! Ein megagroßes Zeichen der Solidarität schlägt mir entgegen. Innerhalb kürzester Zeit zeigen mir ein Haufen Leute, wofür ich hier gerade kämpfe. Eine megagroße Flut an solidarischer Unterstützung schlägt mir entgegen. Ich bekomme Nachrichten geschickt, viele teilen meinen Beitrag in ihren sozialen Netzwerken, Feunde, Bekannte, aber auch Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, denen ich bislang nicht einmal über den Weg gelaufen bin. Sie alle feuern mich an, teilen meinen Beitrag, beteiligen sich an meinem MoneyPool, sagen, ich soll nicht aufgeben.

Zu Euren Spenden: ich bin jedem einzigen unendlich dankbar. Niemals im Leben hätte ich kleines Licht gedacht, so viel Unterstützung zu erfahren. Habe mich bei jedem der aktuell fast 50 Beiträge gefragt, ob ich das annehmen kann und darf. Was ich euch aber verspreche: ich werde damit sorgsam umgehen – und sparsam. Und wer weiß, vielleicht bleibt am Ende noch etwas übrig für mein nächstes Projekt: eine kleine Stiftung oder einen kleinen gemeinnützigen Verein, um auch Menschen zu unterstützen, die gerade ins Straucheln geraten. Sobald ich mit dem Krebsmist durch bin. Denn seit der definitiven Diagnose Krebs Mitte Januar lebe ich bewusster. Ich weiß zwar nicht, was auf mich zukommen wird, aber ich weiß, was ich erreichen möchte, wenn ich hier durch bin. Ich möchte auch was zurückgeben. Ein kleines Stück Hoffnung zurück in die Welt aus Leid und Hilflosigkeit geben, von der ich weiter oben schon schrieb.

Bislang habe ich noch nicht auf die meisten Beiträge zu meiner Unterstützungsbitte reagiert. Im Gegenteil, ich war sogar eher überfordert. Fast im Minutentakt habe ich Nachrichten bekommen – und lag teilweise flennend wie ein Baby im Bett und war total hilflos – aber zumindest nicht mehr ganz so hoffnungslos.

Vielen, vielen, vielen Dank an alle. Ich werde versuchen mich bei jedem einzelnen von euch zu bedanken. Ihr seid der Wahnsinn.

Ich versuche jetzt noch ein wenig zu schlafen, nachher gibt es wieder fieses Zeug durch die Venen. Aber das wird schon. Vielen Dank für eure Solidarität. Und alles Gute für jeden Einzelnen von euch!

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