Ich bin immer noch im Krankenhausmodus, was den Schlaf angeht. Zwischen 2 und 5 bin ich wach. Um 7, als der Wecker klingelt, dafür gerädert. Egal. Wir stehen auf, ich helfe dabei, die Kids für die Schule fertig zu machen.
Als dann alle aus dem Haus sind, mache ich mich auf den Weg zum Penny. Der Entsafter braucht Futter. Süßigkeiten schmecken mittlerweile alle irgendwie nach Spülwasser. Somit komm ich um diese Einkaufsfalle drumherum. Stattdessen landen Sachen in meiner Tüte wie
Ananas am Stück
Äpfel
Bananen
Cashewkerne
Pinienkerne
Cranberries
Haferflocken
Tomaten
Käsescheiben und Käsewürfelchen
Orangen
Eine kleine Dose Red Bull Cola (mal sehen, wie mein Kopf den Geschmack mittlerweile interpretiert)
Käsebrötchen
Putenbrustaufschnitt
Kochschinken
Kleine Soft Cake
Brezel und Salzstangen (hat Lara sich gewünscht).
Joghurt (Erdbeer, nicht Naturjoghurt. Schließlich bin ich nur krank. Nicht auf Diät)
Aus dem ganzen Fruchtgelumpe hole ich mittels Juicer Joe das Beste raus und lagere es in Flaschen im Kühlschrank ein.
Ich bin erstaunlich produktiv in kurzer Zeit. Bereits um 9:45 sind 1,5 Liter Saft zurechtheshreddert, im Zwischenlager „Kühlschrank“ angekommen, die Küche wieder auf Vordermann gebracht – Zeit fürs Frühstück.
Sonst wäre jetzt Zeit für ein Nutella-Brötchen gewesen. Ich bin aber irgendwie einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Wie ein Foodblogger löffele ich mir den Joghurt in die Schüssel, darüber kommen Ananasstücke, Erdbeeren, Bananenscheiben, Nüsse, Kerne, Samen und Haferflocken. Als Topping noch ein bisschen Zimt. Tadaaaa!
„Und hier ist mein superdupermegapapadopoulusschmackofaziasisultradelicioushyperhealthy Fruit ’n‘ Cereal Bowl! Folgt mir für weitere Rezepte!“ – nicht.
Nach dem Frühstück will ich mir den Bart etwas kürzen, damit ich ihn beim Essen nicht immer mitfresse. Startknopf am Rasierer gedrückt – tot. Der Rasierer. Na gut. Hat der Bart halt nochmal Karenzzeit. Nach einer halben Stunde geht es los. Mit dem Ergebnis bin ich soweit zufrieden. Bis auf die Augenringe des Todes. Man sind das Teile.. da wird sogar Audi neidisch. Meine Augenringe sind ja größer als die des Saturn. 🪐😂
Augenringe, so groß, der Saturn wäre glücklich, dürfte er sie sich auch nur mal ausleihen. 😂
Danach begebe ich mich etwas auf die Produktivebene. Hier ein bisschen am Blog basteln, da ein bisschen Artikelbestände im Shop anpassen, an der Ecke noch ein bisschen tüfteln. Dann noch schnell beim Arzt anrufen, Termine machen, AU erbitten.
Danach brauche ich eine Pause. Ich hau mich auf die Couch und genehmige mir 2, 3 Folgen Game of Thrones. Seit Monaten liegen die DVDs hier rum, ich kam aber nicht zum Gucken. Dann halt jetzt.
Um 14:45 Uhr mache ich mich auf in Richtung Schule – zu Fuß, weil Bewegung ja gut ist. Und weil es nur 800 m sind. 😁
Danach passiert nicht mehr so viel. Die Kids spielen. Alex und ich kochen. Es gibt Steak (fürs Blut und die Blutbildung) und Salat, wegen der Vitamine.
Der technische Fortschritt – Wahnsinn! Vor 30, 40 Jahren wäre ich in der Klinik wahrscheinlich schon allein der bloßen Langeweile wegen gestorben. Und heute? Fast alles wie zuhause: WLAN, NETFLIX, eigener Fernseher, der Bettnachbar schnarcht. Was will man mehr?
Einen Großteil der Freizeit in der Klinik habe ich mit Musik hören verbracht. Dank Spotify mit Zugriff auf Millionen von Songs.
Das bringt mich auf folgende Idee: Ich möchte ein social experiment starten. Du nutzt Spotify? Ich auch. Ich habe eine Playlist für meine kommenden Klinikaufenthalte angelegt. Die werde ich veröffentlichen und „als gemeinsam“ festlegen. So kann jeder, der diese Playlist aufruft, Songs hinzufügen.
Warum?
Ich bekomme hier und über meine social media Kanäle so derbe viel Zuspruch, das ist eine blanke Wohltat – aber ich glaube, da geht noch mehr.
Schick mir deinen persönlichen Cheer & Fight Song in die Playlist.
Ich bin echt gespannt, wer alles so mitmacht und was für Songs ich geschenkt bekomme. Dabei ist mir ganz gleich, um welches Genre es sich handelt. Egal, ob Radetzky Marsch, egal, ob Slipknot, egal ob Schnulzpop oder sonstwas. Die Playlist wird mich dann nächste Woche durch den Klinikalltag begleiten und hoffentlich über die Zeit schön bunt und abwechslungsreich anwachsen.
Der Tag beginnt holprig. Um 02:00 Uhr bin ich immer noch hellwach. Dabei hatte ich gestern gar kein nennenswertes Nickerchen, dass ich so lange wach bleibe. Ich überlege, woran es liegt und schiebe es auf zu viel Fruchtzuckerkonsum und auf die Aufregung, weil es wohl morgen (also heute) dann endlich nach Hause geht – hoffentlich. War aber auch echt viel. 1,5 Liter Ananassaftschorle, 0,33 Liter frisch gepresstes Orangensaft, 1 Bowl Ananasstückchen, 1 oder 2 Äpfel, 1 Glas Babybrei. Da kommt schon einiges zusammen. Egal, der Körper gierte danach, er sollte es bekommen.
Um 6:30 Uhr bin ich wieder wach. Egal! Aufstehen! Duschen! Sachen zu Ende verpacken.
Nachdem duschen stelle ich fest, dass die Achseln bereits komplett enthaart sind. Kann das Deo wenigstens besser einziehen.
Um 7:45 Uhr dann noch ein letztes Mal Vitalwerte checken:
Sauerstoffsättigung: 98 %
Puls: 83
Blutdruck: 143/97
Hui, der ist aber hoch! Wahrscheinlich auch die Aufregung. Denkt auch Pfleger Ben. Ein letztes Mal Blutabgabe. Ben hat eine junge Krankenschwester dabei. Sie darf heute an mir üben. Ich biete mich bereitwillig an. Schließlich waren hier ja alle immer begeistert und bescheinigten mir „tolle Venen“! Die Schwester hat ein bisschen Bammel. Ich rede ihr gut zu. „Wird schon. Immer mit der Ruhe.“
Es wird. Punktlandung. Vene perfekt getroffen. Die Übungslage war aber auch herausragend von mit vorbereitet. Diverse Einstichstellen von den Abgaben der letzten Tagen markierten vorbildlich das Zielgebiet, wie wir früher beim Bund immer gesagt hätten.
Um 08:04 Uhr ist meine Süße da. Klamotten ins Auto werfen, damit ich das Geraffel schon mal los bin. Ich will nachher dann mal schauen, wie weit ich die 5 km von der Klinik bis nach Haus zu Fuß schaffe. Bewegung ist jetzt die oberste Prämisse.
Danach heißt es warten auf Frau Dr. Ich bin von meiner Seite aus entlassungsbereit.
Mein Fazit nach der ersten von 4 bzw. 6 Chemos: Laune/Motivation: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Befinden: ⭐️⭐️⭐️⭐️/⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Kondition: ⭐️⭐️⭐️/⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
Alles in allem war der Erstschlag augenscheinlich erfolgreich. Vor der Visite höre ich Frau Dr. auf dem Flur, wie sie den Chefarzt brieft:
„Der Patient geht heute nach Hause, hat den ersten Zyklus sehr gut weggesteckt. Der Körper hat sehr gut auf die Medikamente reagiert!“
(Teil-)Mission erfolgreich!
Erstschlag erfolgreich!
Dann die Ernüchterung! Frau Dr. bringt den Entlassbrief und verabschiedet mich mit den Worten: „Ich habe einen Termin für Montag, 11:50 Uhr gemacht. Blutbildkontrolle! Und für den zweiten Zyklus sehen wir uns dann wieder hier.“. „Wir sehen uns wieder hier? Wieder stationär?“ „Ja. Müssen wir leider. Bei Ihnen trat während der Behandlung kurzzeitig eine akute Neutropenie* und eine milden Thrombozytopenie* auf. Das kann schnell lebensbedrohlich werden. Deshalb müssen wir hier jedes Risiko ausschließen!“. Das war es dann wohl auch mit der Geburtstagsfeier von Alex‘ Dad am kommenden Wochenende. „Na gut.“ stammele ich raus. „Dann ist das wohl so. Dann bis nächste Woche. Ach, bevor ich’s vergesse: wie ist denn Ihre Prognose für die aktuelle Bachelor-Staffel?“. „Phu, schwierig. Am Ende wird’s wahrscheinlich eine ‚Jenny‘.“. Ich halte mit „Wioleta“ dagegen.
Jetzt genieße ich aber erstmal die kommenden 7 Tage Ruhe und Erholung zu Hause. Ab Donnerstag nächster Woche geht es dann wieder in den Kampf. Dann wird sich zeigen, ob 4 Jahre Bundeswehr noch etwas Kampfesgeist, -Lust und Disziplin hinterlassen haben. Ich jedenfalls lasse mich dadurch nicht entmutigen, sondern kriege im Gegenteil nur noch mehr Bock, es dem kleinen Sausack** zu zeigen. Und das so schnell und effektiv wie möglich. Wie die Amerikaner sagen würden: „tief rein und schnell wieder raus!“.
In diesem Sinne, nachfolgend der Schlachtplan für Durchgang II.
Die Schlacht am Hodgkin-Graben von 2020.
*Neutropenie: Eine Neutropenie bezeichnet das Absinken der Anzahl an Neutrophilen im Blut. Neutrophile sind die Immunzellen bei uns Menschen. Sie sind Teil des Blutes, der den meisten unter dem Begriff „weiße Blutkörperchen“ bekannt sein sollte. Neutrophile sind die Fresszellen des Immunsystems, die sich auf eindringende Infekte stürzen. Dadurch isolieren sie Bakterien und Viren und hindern sie daran, dass sie sich unkontrolliert im Körper verteilen.
Der Normwert beim Menschen liegt bei ca. 160 bis 710 Neutrophile pro Mikroliter. Am 31.01.2020 sanken die Neutrophile bei mir gegen 0 Neutrophile pro Mikroliter und alarmierte somit die Ärzte über eine Neutropenie CTCEA Grad 4. Was sich im Arztbrief eher nüchtern liest, bedeutet im Klartext aber höchste Alarmbereitschaft. Der kleinste Bakterien- und Virusbefalls würde Fieber auslösen, die Eindringlinge sich unkontrolliert ausbreiten können. Dann wäre es wohl an der Zeit für Grad 5… Dieser würde im Arztbrief wohl kryptisch mit dem „Exitus des Patienten“ verschlüsselt werden. Wenn ich jetzt im Nachhinein, zu Hause am Esstisch, darüber nachdenke, wie dicht ich da vor 6 Tagen noch am Abgrund stand, schüttelt es mich. Zum Glück haben die Ärzte richtig und schnell reagiert und im Vorfeld am 26.01.2020 bereits Neulasta 6 mg gespritzt. Nur dadurch verringerte sich das Zeitfenster, in denen Eindringlinge mich hätten befallen können deutlich. Denn am 02.02.2020 waren die Werte mit 160 Neutrophile zwar noch im unteren, aber immerhin schon mal wieder im Normalbereich. Am 03.02.2020 erholten sie sich weiter auf 300 NP / μl. Heute am 05.02.2020 konnte ich mit einem deutlichen Überschuss von 810 Neutrophile / μl entlassen werden. Dennoch habe ich jetzt schon noch ein bisschen mehr Respekt vor meinem Gegner und des kommenden Gefechts. Respekt… mehr aber auch nicht.
Gradeinteilung der Neutropenie nach CTCAE.Meine Neutrophilenwerte vom 23.01.2020 (3.7), vom 31.01.2020 (0.0 L), vom 02.02.2020 fehlt der Eintrag. Am 03.02.2020 erhöht sich der Wert wieder auf 3.0. Heute laufe ich mit einem deutlichen Überschuss an Neutrophilen rum. Am kommenden Montag kontrollieren wir erneut.
Das L markiert den Bereich „critical low“. H markiert eine hohe Anzahl an Neutrophilen.
Eine Thromozytopenie ist quasi das gleiche wie eine Neutropenie, betrifft jedoch die Thrombozyten, also die für die Blutgerinnung zuständigen Blutplättchen.
Um das alles erstmal zu verdauen, habe ich beschlossen, den Heimweg nun in der Tat aktiv zu bestreiten. Ich gehe die 5.3 km vom AK Barmbek zu Fuß nach Hause. Am Ende des Tages kann sich meine Bewegungsstatistik sehen lassen. Zumindest für jemanden, der vor einer Woche noch Gevatter tot ins Gesicht gelacht hat.
All diese völlig neuen Informationen, die ich heute bekommen und verarbeitet habe, machen irgendwas mit mir. Klingt klischeehaft, aber irgendwas arbeitet in mir. Eine Kraft, die mich auffordert bewusster zu leben.
Der erste Schritt: ich koche heute Abend selbst. Frisches Zeug. Kein Conveniencescheiß. Nix aus Plastik oder Konserve. Frisch. Ich mache meine hausgemachten Bifteki. Dazu schmoren wir uns eine Gemüsepfanne mit Paprika, Tomaten und Zucchini. Zu Bifteki darf Zaziki natürlich auch nicht fehlen. Als Belohnung für den gewonnenen Kampf der letzten 14 Tage erlaube ich mir eine kleine Kiezmische.
Ich habe gekocht! Na gut. Ich hab die Matschepampe zubereitet. „Kochen“ bzw. braten wird sie der OptiGrill, den ich letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt bekam.
Danach freue ich mich auf den ersten Abend seit 14 Tagen mit meiner Süßen. Bachelor-Time.
**Sausack: Der Begriff Sausack bildet nach alten Überlieferungen das preußische Pendant zum angelsächsischen Wort „sausage“, also Würstchen. Und so passt es, ist der Krebs für mich momentan ein kleines armes Würstchen, dass jetzt einen dicken fetten Arschtritt bekommt.
Letzter voller Tag im AK Barmbek. Frau Dr. geht „zu 99,9999999 % davon aus, dass die Blutwerte weiter steigen. Eine Abwärtsbewegung nach dem aktuellen Zeitpunkt ist eher unnormal!“. Ich kann also wohl morgen nach Hause, wenn heute Nacht nicht die Welt untergeht. Das ist doch schon mal was. Heute gibt es nur Pillen. Keine Blutabnahme oder sonstige Untersuchungen. Nach der Visite heißt es also Zeit totschlagen. Ich bewege mich also erstmal in Richtung der Bäckerei. Zweites Frühstück. Von einem halben Brötchen mit einer Scheibe Bierschinken und einem halben Brötchen mit Marmelade wird ein Bär wie ich halt nicht satt. Vor allem aktuell nicht.
In der Bäckerei gelüstet es mich nach Bildung. Ich nehme ein Exemplar der Tagesausgabe des Wissenschaftsmagazins „Bild“ mit. Bisschen Klatsch, Tratsch, Wetterbericht und ganz wichtig, das Horoskop. Anfangs bin ich verwirrt. Muss ich jetzt eigentlich weiter bei „Stier“ lesen? Oder doch bei „Krebs“? Ich lese beide Horoskope und beschließe: von beidem nur das Beste.
Danach:
Die 3 „N“.
Nittagessen
Netflix
Nickerchen
Im Klartext:
Hühnchengeschnetzeltes mit Reis und Gemüse
13 Hours – the secret Soldiers of Benghazi
Schnarch
Ansonsten. Viel Trinken. Nämlich:
Ananassaftschorle
Pfefferminztee
Calciumlösung
Kakao
Ansonsten ist heute auch Weltkrebstag. Ein Tag, der in der Vergangenheit bei mir durch Unbekanntheit glänzte. Vermutlich ändert sich das jetzt.
Nach dem Mittag kommt meine Süße noch mal kurz ohne die Kids vorbei. Zeit zu zweit tut uns auch mal gut. In Ruhe zusammen einen Chai Latte schlürfen, bisschen kuscheln. Dann ruft auch wieder die Pflicht. Die Hühner (damit meine ich liebevoll unsere Kinder, wir halten keine Scheunenschleicher, die wir an Bildungseinrichtungen ausleihen 😂) müssen aus der Schule ausgelöst werden.
Wenig später klopft es an der Tür und Kay und Marcel treten ein. Ins Zimmer – nicht die Tür. Wir plaudern eine ganze Weile und dann ist es auch schon Zeit fürs Abendessen. So habe ich die Zeit heute doch ziemlich gut rumgekriegt. Hab noch nicht mal meinen Film zu Ende geschaut. Das ist dann noch mein letztes erklärtes Tagesziel.
Zeichen des Fortschritts: An meiner Tür (30) wurde der Zusatzhinweis entfernt, auf dem darauf hingewiesen wird, dass Pflegepersonal und Besucher bitte zum Schonung des Patienten Schutzkleidung tragen sollen.
Die Nacht hatte es wieder in sich. Zwar gewöhne ich mich an das brummende Bett und die Kakophonie der nächtlichen Atemgeräusche meines Zimmergenossen, dafür hatten mich aber ab 3:00 Uhr massive Nierenschmerzen sowohl im Griff als auch gleichsam vom Schlaf abgehalten.
Um 4:00 Uhr ging nix mehr. Ein kleiner Snack aus Novaminsulfon musste her. Danach ging es tatsächlich noch einmal 3 Stündchen recht gut mit dem Schlafen. Wenn das so weiter geht, werde ich noch richtig gut im Bett. 😂
Um kurz nach 7:00 Uhr dann wieder Blutentnahme und Vitalwertcheck. An die genauen Werte erinnere ich mich nicht mehr. Waren aber im grünen Bereich.
Sauerstoffsättigung: 98 %, Blutdruck: 127/83 (glaub ich), Ruhepuls: 73 (bisschen erhöht, im Vergleich zum Normalpuls). Temperatur konnte der Pfleger vorerst nicht messen, da das Thermometer abhanden gekommen ist. 😁 Ich hab es auf jeden Fall nicht.
Ich werde heute jedenfalls versuchen, so viel wie möglich zu trinken und werde dafür auch auf Multivitaminschorle zurückgreifen. Denn Wasser pur und Tees in allen Varianten kann ich alleinig langsam nicht mehr sehen.
9:26 Uhr: Stippvisite von Fr. Dr. Blutwerte sind soweit sehr gut. Ich spreche die kleine Nierenproblematik von heute Nacht an. Sie meint, es könne gut sein, dass das durch die höhere Nierentätigkeit kommen kann, weil die ersten Tumoren jetzt wohl zerfallen und durch die Nieren abgespült werden. Ich darf trotz meiner tollen Blutwerte noch nicht nach Hause und werde offensichtlich die 14 Tage hier voll machen. Der alte Mann auf meinem Zimmer geht heute nach Hause. Ironisch, wie ich finde. Muss er zurück in seine Wohnung, allein, lediglich begleitet durch Pflegedienste, die ab und an zu Hilfe kommen, als alleinstehender Witwer, der hier in der Klinik bei geschultem Fachpersonal hervorragend aufgehoben ist – während bei mir zuhause meine Süße und die Kids warten und Ablenkung. Mir dafür hier noch drei weitere Tage die Decke auf den Kopf fallen wird. In meinem Kopf dudelt Alanis Morissette – Ironic:
„A traffic jam when you’re already late A „no smoking“ sign on your cigarette break It’s like ten thousand spoons when all you need is a knife It’s meeting the man of my dreams And then meeting his beautiful wife And isn’t it ironic, don’t you think? A little too ironic, and yeah I really do think.“
Trotz allem bin ich nach wie vor positiv gestimmt und immer noch begeistert, wie freundlich das gesamte Pflegeteam hier ist. Mein Dialog mit Frau Dr. bei der Kurzvisite klang in etwa so:
Frau Dr.: „Na? Wie geht’s? Blutwerte sehen ja gut aus soweit. Ich hab zwar jetzt noch nicht die von heute gesehen, aber die vom Wochenende gingen doch gut wieder hoch!“
Ich: „Na, ist doch super. Dann kann ich ja schonmal packen!“.
Frau Dr.: „Nee nee. 14 Tage! Heute ist Tag 12. Ich weiß, dass das nervig ist. Ich könnte mir auch besseres vorstellen, als hier 14 Tage in der Klinik rumzuhängen.“
Ich: „Na gut. Dann Mittwoch. Dann bin ich ja wenigstens pünktlich zum Bachelor wieder zuhause!“
Frau Dr.: „Genau. Und das ist das Wichtige. Wir gucken das hier auch immer im Team!“.
Was soll’s. Frühstück ist angesagt. Mein Körper giert nach tierischem Eiweiß. Eine Scheibe Wurst habe ich auf meinem Tablett. Der Rest ist Süßkram. Wäre früher das Paradies für mich gewesen. Heute hätte ich lieber noch zwei weitere Scheiben Wurst. Aber auch das ist nicht schlimm. Die Bäckerei Junge im Erdgeschoss wird das nachher noch regeln. Erstmal einen Pfefferminztee und ein Brötchen. Danach die Pillen.
Danach passiert nicht viel nennenswertes bis zum Mittagessen, außer, dass mein Zimmergenosse, der ältere Herr, entlassen und abgeholt wird. Das Mittagsmenü ist heute ein Kohlrabieintopf mit Kartoffelstückchen und Hackklößchen. Dabei kommt der kleine Junge in mir wieder durch. Als erstes teile ich sämtliche Hackbällchen in kleinere, um bei jedem Löffel ein bisschen davon mit auf letzterem zu haben.
Den Eintopf hatte ich zwar eigentlich gar nicht bestellt, lecker war er aber trotzdem.
Als sich das Süppchen dem Ende zu neigt, hebe ich mir die restlichen Klößchen für ganz zum Schluss auf. Das hab ich als Kind schon immer gemacht. Ich war verrückt nach Suppenklößchen. Die hatten immer ihren ganz eigenen Geschmack. Komplett anders als normale Frikadellen. Da kam es auch schon mal vor, dass ich nach dem Essen nochmal heimlich in die Küche gewackelt bin und habe ein paar Klöße aus der Suppe gefischt und so weggesnackt. 😁
RANGELEI IM SUPPENKESSEL! Hackliebhaber prügelt auf Veganer ein.
„Und in der linken Ecke sehen Sie den Weltmeister (WBA) im Rübengewicht: Vitali Klitschkohl. In der rechten Ecke, mit einem Gewicht von knapp 120 Gramm, der Weltmeister (WBO) im Hackschwergewicht: Muhackmett Ali!“
Nach dem Essen dann der Schock! NIE WIEDER KOHLRABI-EINTOPF. Irgendwas war da schlecht dran. Ich kraule mir durch den Bart und habe direkt 20 bis 30 Barthaare in der Hand. Ich stürze ins Bad und kämme mir den Bart durch. Und obwohl noch nicht Weihnachten ist… leise rieselt das Haar.
Da gehen sie hin, die Fusseln.
Also Obacht Männer: Von Salat schrumpft der Bizeps, von Kohlrabi der Bart!
In Anbetracht der aktuellen Situation und in tiefer Trauer, dass mein Bart mich dann demnächst wohl verlassen wird, hier noch einmal mein „Best of Beard“. Farewell beardy buddy. We’ll see us again soon!
Zum Abschluss des Tages gebe ich mir auf Netflix heute „13 Hours: the secret soldiers of Benghazi“.
Das heutige Datum besteht nur aus zwei Ziffern. 0 und 2. Ob heute viele Leute heiraten? Wie ist das eigentlich? Standesamtlich ja wohl eher nicht, die haben ja Sonntags eher weniger Bereitschaft, oder? Oder gibt es da Bonus- und Prime-Schemata, über die man sich sowas verdienen kann? „Verlängern Sie 3x Ihren Ausweis mindestens 6 Wochen vor Ablauf und Sie erwerben Anspruch auf eine Dienstleistung am Wochenende!“.
Die Nacht war anstrengend. Das Brummbett ging mir auf den Keks – trotz Ohropax. Darüber hinaus bin ich mit dem alten Mann auf meinem Zimmer gleichermaßen überfordert, als auch genervt. Er ist leider nicht sehr kommunikativ – was ich jetzt auch nicht zwingend voraussetze – aber leider auch sehr unselbstständig. Um 1:30 Uhr fing er an vor sich hin zu brabbeln. Durch meine Ohrenstopfen habe ich das erst nicht mitbekommen. Erst als er vehementer fragte, ob man das Licht anmachen könne, wurde ich wach. Leider bemüht der alte Mann seine Klingel nicht selbst – ich habe dann nach dem Pflegepersonal geklingelt, damit sie seine Bettausrichtung etwas verbessern. Danach kam ich selbst dann knapp 2 Stunden nicht wieder zur Ruhe. Habe stattdessen die Ostfriesenreihe von Klaus-Peter Wolf auf Audible weitergestreamt. Komm ich da wenigstens auch mal vorwärts. Wie gesagt: ich bin froh, wenn der ältere Herr morgen verlegt wird. Auch wenn es derb egoistisch klingen mag. Aber ich soll ja auch viel schlafen. Das klappt so aber auf jeden Fall nicht.
Die Mädels sind um 8:30 Uhr wach. Alex schickt mir ihre Tagwerksplanung per WhatsApp.
8:30 Uhr Frühstücken
Dann schwimmen
Danach zum Gyros-Spezialisten, Gyros holen
Dann zu dir, im Innenhof der Klinik zusammen essen.
Ich freu mich drauf. Gerade auch jetzt im speziellen Fall, wo ich anscheinend fressen kann ohne Ende und trotzdem noch abnehme. Mein Stoffwechsel scheint durch den Krebs vor Therapie nämlich schon ziemlich runtergefahren zu sein. Denn trotz viel Salat, Bewegung und Reduktion der Zuckerzufuhr tat sich auf der Waage nix. Aber hey, für mich ist ja auch Gewicht halten schon ein Erfolg. 😂
Bis die Mädels hier sind, werde ich mich noch etwas mit dem Onlineshop befassen. Mir ist über die wache Nacht noch eine gute technische Dienstleistung in den Sinn gekommen, die ich anbieten werde.
Á propos Technik: seit ich Mundschutz trage, erkennt mich mein iPhone nicht mehr mittels FACE-ID. Das ist doch Mist. Unausgegoren. Nicht ausgereift. Das wird sich nicht durchsetzen. So wie dieses Google.
Um kurz nach eins ist es soweit. Gyrostime mit den Ladies. Danach eine Runde um den Block. Die Kids können auf dem Spielplatz spielen. Mama und Papa chillen auf der Bank.
Nach der Rückkehr in die Klinik genehmigen wir uns noch einen Kakao bzw. Kaffee. Gegen 16:45 Uhr brechen die Mädels wieder auf.
Ich werde auf meinem Zimmer noch etwas Musik hören. Derzeit läuft das Curse-Album „Die Farbe des Wassers“ auf heavy rotation. Mit tiefgründigen Texten bringt es mich zum Nachdenken, (Selbst-)Reflektieren und Kraft tanken.
Zum Einschlafen gönne ich mir noch einen Filmklassiker. „The Crow“ von 1994. Herrje, wie lange habe ich den denn nicht mehr gesehen?!
Ich bin auf die Visite morgen gespannt und darauf, wie die Blutwerte sind. In der Hoffnung dann auch bald nach Hause entlassen zu werden.
Heute gab es den ersten ernstzunehmenden Einbruch. Jetzt mittlerweile merke ich, dass alles in mir runtergefahren wurde. Sowohl physisch als auch psychisch beginnt der Chemoalltag, mich auszulaugen.
Der Morgen begann mit einem Gefühl tiefster Traurigkeit, so dass mir kurzzeitig die Augen feucht wurden. Ich hab früher immer gelernt, ich solle mich nicht so anstellen, was ich eigentlich auch immer wieder so gut wie möglich durchzog.
Aber jetzt war es soweit. Auch ich bin jetzt an dem Punkt angelangt, an dem ich mir erlauben darf, auch mal schwach zu sein. Ich will sonst immer alles perfekt gestalten – wodurch ich mir und dem eigentlich Perfekten oftmals auch selbst im Weg stehe.
Körperlich krebse (witziges Wortspiel, oder?) ich jetzt mit Appetitlosigkeit dahin. Heute Morgen ging gerade mal ein halbes Brötchen rein – danach wurde mir schlecht. Aber – positiv gedacht – drin behalten habe ich dennoch alles. Die Übelkeit ist Teil meiner „Grübelkeit“. Bereits vor Beginn der Chemo war die Nebenwirkung Übelkeit die, die mich am meisten ängstigte. Umso happier war ich, als ich feststellen konnte, dass das Klinikpersonal schnell dagegen was tun kann. Aber wieso macht mir die Übelkeit so viel aus? Was steckt dahinter? Ich weiß es nicht. Ist es das Gefühl der Hilflosigkeit, das einen überkommt, wenn man sich alles „noch einmal durch den Kopf gehen lassen muss“? Oder ist es das Gefühl, das Klinikpersonal zu belasten, wenn man den Ablauf mit dauerndem Erbrechen ins Stocken bringt?
Á propos Klinikpersonal: das sind für mich die wahren Helden hier! Das gesamte Team ist stets freundlich, nett und hilfsbereit und hat immer ein Lächeln am Start. Und ich schätze mich glücklich, dass es Menschen gibt, die Tag für Tag aufs Neue aufstehen, um anderen Leuten zu helfen. Vielen Dank! Vielen Dank an jeden einzelnen: Koordinator, Pfleger, Schwester, Arzt, Reinigungspersonal und was es auch immer noch für Funktionen gibt, die im Alltag verborgen bleiben.
Danke!
Gegen Mittag kommen meine Eltern zu Besuch. Sie wollen auch gleich unseren Hund vorübergehend in Pflege nehmen. Das macht vor allem meiner Süßen Alex den Alltag etwas leichter.
Schönen Urlaub bei „Oma und Opa“, Fellnase.
Nach der „Übergabe“ gehen wir mit den Kids eine Runde um den Block. Frische Luft tut immer gut. Und die gemeinsame Zeit erst recht.
Nach dem Spaziergang ist es 17:00 Uhr. Ich begebe mich wieder auf mein Zimmer und werde noch ein bisschen am Onlineshop arbeiten – denn leider oder gerade gilt auch hier die Devise „The Show must go on!“. Vorher stelle ich mich aber noch mal kurz auf die Waage auf dem Flur. Seit meiner Einlieferung vor 9 Tagen habe ich jetzt bereits 3,3 kg abgenommen.
Irgendwas brummt stark. Ich vermute es im Nebenraum oder über mir. Es klingt wie eine Dolce Gusto Maschine auf einer Küchenarbeitsplatte. Nach ca. 2 Minuten herrscht wieder Stille. Dann geht es wieder von vorn los. Was ist das? Muss da nebenan jemand dauerinhalieren? Ist das ein Dialysegerät? In der Onkologie? So ganz unrealistisch scheint das nicht zu sein. Soweit ich weiß, ist mein Zimmergenosse wegen einer Harnwegsinfektion hier, nicht wegen etwas ontologischem und wird bei mir nur zwischen geparkt. Am Montag soll er dann in die Geriatrie verlegt werden.
Um 18:30 Uhr gibt es dann wieder ein kleines Abendessen. Dazu gönne ich mir ein paar Gläser Traubensaftschorle – in der Hoffnung dass es vielleicht gut für die Blutbildung ist. Und zum Nachtisch haben mir meine Eltern noch ein paar Mozartkugeln dagelassen. Sie werden den Abend nicht überleben. Genauso wie die mitgebrachte Eichsfelder Stracke und die paar Scheiben Landbrot. Simpel aber lecker!
Ich frage den Pfleger, der das Essen bringt, was hier so brummt. Er hört sich kurz um und teilt dann mit:
„Ihr Zimmergenosse hat eine neue Matratze bekommen. Die pumpt sich pneumatisch auf und reguliert dadurch den Druck auf den Körper. Durch das Verfahren reduziert sich die Gefahr eines Dekubitus.“
Aha. Weiß ich ja jetzt auch Bescheid, was mich da so nervt. Aber hey. Man muss auch die positiven Dinge sehen. ICH kann wenigstens zu jeder Zeit aufstehen und rumlaufen. Der alte Mann neben mir hat zwar keinen Krebs, ist aber stark eingefallen, hat stark abgenommen und ist ans Bett gefesselt.
Ab heute begleitet mich dieses stylomatische Accessoire. Frau Dr. K. hat soeben in der Visite verlautbaren lassen, dass heute, am neunten Tag der Chemotherapie das Blutbild beginnt einzubrechen. Somit beginnt das Immunsystem runterzufahren. Normalerweise irgendwann zwischen dem 7. und 10. Tag. Somit habe ich bis Tag 9 schon richtig gut durchgehalten. Dennoch heißt es jetzt für mich: Mundschutz auf – Infektionsgefahr minimieren. Wie ihr trotzdem natürlich alle seht: Unter dem Mundschutz trage ich immer noch ein breites Grinsen. 😁
Gegen Mittag veranstalten wir hier ein „großes Familientreffen“. Meine Süße Alex, unsere zwei Mädels und meine Eltern sind hier. Wir genießen Kaffee, Kuchen und Brötchen in der an die Klinik angeschlossenen Bäckerei. Ich mit Mundschutz. Natürlich nicht bei Essen und Trinken, aber davor und danach. Meine 9-Jährige fragt: „Papa, hast du das Corona-Virus?“… Und ich frage, was an dem mexikanischen Maisbier jetzt auf einmal ansteckend ist…
Meine 7-Jährige sagt: „Papa, du siehst ja aus wie ein Arzt!“. Ich wäre jetzt auch lieber ein Arzt, statt eines Patienten.
Um kurz nach 17:00 Uhr hole ich mir noch einen Tee. Dabei entdecke ich eine Personenwaage auf dem Flur. Ich stelle mich drauf und siehe da: -2 kg in 9 Tage. Und das trotz intensiver Fresserei… Hat die Sache doch auch was gutes.
Und ich erfreue mich an den kleinen Dingen. Ein klitzekleines Upstaging des Abendessens erzeugt ein gänzlich anderes Geschmackserlebnis. Statt die Tomate wie gewohnt am Stück zu essen, schnippele ich sie mir in Scheiben auf das Brot. Bisschen würzen – paaaam – Geschmacksexplosion. Das ist die haute cuisine des Klinikalltag:
„Filletierte Paradeiserschnitzlinge auf einem vollgranigen Feldfruchtgebäck an einem Spiegel aus orientalischer Gewürz-Butter-Melange“.
So heititeiti kann es klingen – das sonst so schnöde Tomatenbrot. 😂
Filletierte Paradeiserschnitzlinge auf einem vollgranigen Feldfruchtgebäck an einem Spiegel aus orientalischer Gewürz-Butter-Melange
Für heute reicht es für mich hin. Ich gebe mir noch ein paar Folgen jerks. auf Joyn und dann wird es mich wohl in die Federn drücken. In der Hoffnung, dass die Blutwerte morgen schon wieder besser sind.
Es ist doch unglaublich. Seit 2013 spiele ich Candy Crush, relativ regelmäßig und mittlerweile bei Level 1941 (Tendenz steigend). In 7 Jahren habe ich niemals den Booster-Rad-Jackpot geknackt und jetzt direkt an 2 Tagen in Folge? Was soll jetzt noch schiefgehen?
Heute gab es die letzte Flüssiggabe des ersten Chemozyklusses. Vincristin und Bleomycin. Dazu Paracetamol und Fenistil. Abgesehen davon, dass ich vom Fenistil sehr müde wurde, habe ich bislang noch keine Nebenwirkungen erwischt. Jetzt endlich scheint es sich mal auszuzahlen, dass ich mir ein ordentliches Polster über dem Sixpack angefuttert habe. ABER: das ist jetzt für alle Mitlesenden auf keinen Fall eine Aufforderung oder ein Freibrief dafür, sich gehen zu lassen. 😂 Denn man muss wissen: auch wenn ich an allen Seiten gut abgepolstert bin, steckte auch immer eine Menge Power in mir, seitdem ich beim Bund mal ein solides Grundmuskelskelett aufgebaut habe. Also geht mein Tipp eher in die Richtung! Bewegt euch regelmäßig und treibt Sport. Getreu dem Motto: „Train your Body today, you’ll not know what you need him to do tomorrow!“ (zu deutsch: trainiere heut, denn Du weißt nicht, was dein Körper morgen durchstehen muss!“
Zum Durchstehen braucht der Körper halt eben Kraft. Und die kommt aus der Muskelmasse und dem, was du deinem Körper zum verhackstücken gibst.
So gab es bei uns dann zuhause, knapp eine Woche, bevor die Chemo startete noch schnell einen gebrauchten Entsafter von eBay Kleinanzeigen. In dem haben wir dann Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch noch alles entsaftet, was gut für den Körper ist. Dazu werde ich in Kürze auch noch eine separate Rubrik hier einbauen, wo ich dann nochmal auf die einzelnen Rezepte und die Superheldenfähigkeiten ihrer Bestandteile eingehen werde.
In Zuge dieses kleinen Ernährungsumstellungsbausteins habe ich auch eine alte Liebe wiederentdeckt. Eine Liebe, die viel zu lange erloschen war, nach dem ersten Konsum aber sofort wieder loderte. ANANAS. Okay. So ganz erloschen war sie nie, hat meine Süße mich doch in den letzten Monaten vermehrt zur Pizza Hawaii bekehrt.
So habe ich auf jeden Fall auch viel Ananas geschreddert und entsaftet. Aber auch hier in der Klinik ist Ananas ein fester Bestandteil meines Ernährungsplans. Ich hole mir täglich 1-2 Portionen fertig geschnitten beim Frischobst-Kiosk vorm Haupteingang.
Die Ananas ist eine echte Powerfruit und sollte so oft wie möglich auf dem Speiseplan stehen. Dazu wird es künftig etwas mehr in der Rezepterubrik geben.
Aber keine Sorge: wer jetzt denkt, dass der alte Alex jetzt alles über Bord wirft, was ihn vorher ausgezeichnet hat. Ich kann euch beruhigen. Auch im Klinikalltag existieren Süßigkeiten und „Junk-Food-Sünden“. Man muss halt nur drauf achten, dass es ausgewogen ist. Wenn die Bewegung nicht zu kurz kommt, Obst und Gemüse auf dem Speiseplan stehen, dann ist es auch vollkommen legitim, nach den Transfusionen auch mal zum Dönerwagen zu laufen oder sich vom Besuch ein paar kleine Burger mitbringen zu lassen. 😂
Denn eins dürft ihr alle nicht vergessen: Chemo ist Arbeit für den Körper. Euer System versucht, jede Zelle umzubauen. Und das kostet Kraft. Und Kraft bedeutet Anstrengung. Und Anstrengung bedeutet Arbeit. Und Arbeit muss auch Spaß machen. Sonst wird es ein Schuss in den Ofen. Also: schwingt eure Ärsche hoch und belohnt euch auch mal für was!
Um 14:30 Uhr wird dann auch endlich die Portnadel entfernt. Die Flüssiggaben sind somit offiziell für den ersten Zyklus beendet. Ein gutes Gefühl soweit.
06:03 Uhr: ich muss unbedingt Lotto spielen. Denn es ist etwas geschehen, mit dem ich schon nicht mehr gerechnet habe. Ich habe beim täglichen Booster-Rad von Candy Crush den Booster-Jackpot geknackt. Zuvor war das Rad gefühlte 3.284.198 Mal entweder ein Feld vor oder nach dem Jackpot stehen geblieben.
Hooooray.
Dann weiter zur Morgenvisite. Wenn ich mir die Werte auf der Vitalfunktionsapparatur anschaue, könnte ich meinen, ich wäre gar nicht krank. Alle Werte vorbildlich:
Gegen Mittag wird mein bisheriger Zimmergenosse entlassen. Es war eine lustige Zeit mit ihm. Wir haben viel gelacht. Das hilft auch sehr. Kurze Zeit später wird der freie Platz neu belegt. Ich bekomme einen sehr gebrechlich wirkenden alten Herrn aufs Zimmer. Ich schätze ihn auf deutlich über 80. Ob ich da auch eine gemeinsame Wellenlänge herstellen kann?
Abends kommen Veit und Freddie zu Besuch. Wir sitzen im Innenhof und flachsen. Es tut gut, den Ernst der Situation auch mal zu verlassen. Das hat auch der Chefarzt empfohlen. So tauschen wir uns über allerhand paradoxer Dinge aus. Z. B.:
Dass schwarze Johannisbeeren, die rot sind eigentlich noch grün sind. Oder dass es paradox ist, wenn ein Trabantfahrer sagt: „Der ist nicht von Pappe!“. Oder wenn eine Kuh einen Ochsen anstiert. Oder wenn man sich im Handumdrehen ein Bein bricht.
Nachdem die Besuchszeit zuende ist, versuche ich den Kopf mittels „Der Bachelor“ zu resetten. Zuhause eigentlich immer ein Garant für einen guten, wenn auch vielleicht Bildungsniveauinsuffizienten Fernsehabend. Aber ohne den Live-Input meiner Süßen direkt neben mir ist das alles irgendwie nicht das gleiche. Also dann: gute Nacht, Welt.
Morgen gibt es nochmal einen Chemococktail aus Vincristin und Bleomycin. Danach heißt es eigentlich nur noch beobachten.